Alabama Jubeldidei

Hier kommt er nun, mein Beitrag für die siebente Cluewriting Challenge.
Wie immer nicht ganz ernst gemeint und mit einem Augenzwinkern zu verstehen.

Viel Spaß bei:

Alabama Jubeldidei


Das Schnarchen der Zimmernachbarin reichte locker für zwei.
Mimi Moffat musste trotzdem aufpassen. Deswegen wartete sie noch mindestens fünf Minuten, die sie akribisch zählte, bevor sie langsam die widerlich sterile Decke mit den gestickten Buchstaben Alabama Jubeldidei zurückschlug und ihre Füße betont leise auf den viel zu sauberen Boden gleiten ließ. Dort tasteten ihre Zehen nach den Haus-Schlappen. Immerhin die standen an Ort und Stelle – etwas, was man von ihrer Frisur definitiv nicht sagen konnte. Vorsichtig stand sie auf, ignorierte den Schwindel und schlurfte zum gegenüberliegenden Schrank. Dort wartete ihre verblasste lila Haus-Robe auf sie. Mimi drückte das abgewetzte Stück Stoff fest an sich und sog den lieblichen Zigarettengeruch ein. Sofort fühlte sie sich ein bisschen besser. Sie prüfte die linke Tasche. Da waren sie, ihre unvergleichlichen Salmans First. Gleich würde sie wieder einen Glimmstengel in der Hand halten. Nun, sobald sie hier raus war.
Denk an deine Mission!

Drei mal durch die Haare gestrichen, Robe übergeworfen und fertig! Mimi war zufrieden. Jetzt musste sie bloß noch an diesem ollen Tarzan vorbei. Aber auch da hatte sie vorgesorgt. Ein schelmisches Grinsen konnte sie sich nicht verkneifen, als sie das Einweckglas aus ihrem Nachtschränkchen holte. Auch da hatte man am Rand des Verschlusses Alabama Jubeldidei aufgedruckt. Es war zu dunkel, aber sie wusste, dass Titan drin war.
Ein Blick in den Gang sagte ihr, dass Tarzan an seinem Platz im Glaskasten saß. Das Licht fiel fahl auf den Gang. Er hatte garantiert seine Kopfhörer auf und gab sich völlig der Musik hin – Blues, wie Mimi über die Wochen bei nächtlichen Talkrunden herausfand. Na, viel zu tun hatte er hier eh nicht, denn wer würde schon ausbrechen wollen?
Mimi zuckte zusammen, als das Schnarchen ihrer Zimmergenossin kurz ihre Gedankengänge unterbrach. Doch bald hörte sie es wieder, das monotone Röcheln. Sehr gut. Sie schob das Einweckglas mit Titan unter ihre Robe, schloss die Tür hinter sich und lief, so leise es ihr möglich war, bis zu den Toiletten im Gang. Die Sanitäranlagen waren direkt gegenüber von Tarzans Besenkammer und Mimi wusste, in wenigen Minuten würde er seinen Rundgang durchs Gebäude beginnen. Sie spähte durch einen schmalen Türenspalt und wartete.

Als er die Füße vom Tisch nahm, schraubte sie das Glas auf und entließ Titan in die Freiheit „Du weißt, was zu tun ist.“ – Und das noch bevor Tarzan sich erhoben hatte. Alles lief nach Plan. Der Wärter kam aus seinem Kabuff, sah Titan auf sich zu krabbeln – braver Titan – und hielt sich schnell die Hand vor den Mund, bevor er alle Insassen aufweckte. Dann tänzelte er ballerinamäßig im Gang umher. Auch die fette, gelbe Spinne schien ihren Spaß zu haben. Immer wieder krabbelte sie auf den bulligen Typen zu, der vor ihr aus Angst Männchen machte. Das war so putzig anzusehen, dass Mimi beinahe ihren Plan vergessen hätte.

Titan scheuchte den Armen Mann wieder zurück in seine Abstellkammer mit Verglasung, jetzt musste Mimi schnell sein.
Sie raffte ihr Nachthemd samt Hauskleid und rannte los. Am hand- und fußwedelnden Tarzan vorbei bis zur nächsten Tür und dann war sie – nicht – draußen. Die Außentür war dreist verschlossen worden! Mimi schaute durch das Loch: Von außen steckte der Schlüssel.
Na, wartet!
Sie nahm einen ihrer Hausschlappen und schlug mit dem Absatz gegen das Fensterglas der Tür. Einmal, zweimal, dreimal – ein Riss, viermal – das Glas brach. Konnte demnach kein Sicherheitsglas sein. Mimi zuckte mit den Schultern und schob ihre kleine Hand vorsichtig durch das Loch. Nun schloss sie von außen auf. Nur raus und endlich eine Salmans First, ahhhhh, das tat gut. Sie hörte Tarzan vereinzelt „Nicht dahin!“ und „Weg von meinen Schuhen!“ oder „Runter da!“ rufen. Auf Titan war Verlass! Das musste man der Albinospinne lassen.
Indessen drehte sie sich noch einmal um. Hatte man Tarzan auch eingesperrt? Immerhin war er drinnen, der Schlüssel steckte aber außen. Merkwürdig.
Dann wäre er aber gar nicht der Feind … und sie hätte Titan umsonst auf ihn losgelassen! Eigentlich hatte Mimi keine Zeit für moralisches Geplänkel. Sie musste hier weg. Die Spinne würde ihren Weg schon finden.
„Mimi Moffat!“, ein jäher Schrei aus Tarzans Kehle.
Mimi rannte los. Weg von diesem Anwesen, weg von Tarzan, weg vom Geschnarche, weg von den Verboten, einfach weg von allem. Sie keuchte und rannte und musste stehen bleiben.
Seit wann hast du so eine miese Kondition?
Erst mal noch eine rauchen. Mimi fand es unerhört, dass sie es noch nicht aus dem Eingangsbereich heraus geschafft hatte.
Wenn du so weitermachst, wirst du hier nie wegkommen.
Da hörte sie ihn auch schon, den Tarzan! „Mimi Moffat!“
Sie drehte sich langsam um. „Ach?“ Sogar auf Tarzans Arbeitsrobe stand Alabama Jubeldidei.
„Mimi, Mimi, Mimi, was soll ich bloß mit dir machen. Du bist doch nur ein paar Tage zur Überwachung hier, weil du einen Stein auf den Kopf bekommen hast.“
Mimi lachte laut los. „Stein? Ich? Paar Tage? Wir haben uns seit Wochen abends auf dem Gang getroffen! Hältst du mich für noch verwirrter, als ich schon bin?“
„Nein! Ich meinte ja nur. Deine Zeit hier ist eh bald um, du brauchst vorher nicht die Einrichtung zu demolieren oder Mitarbeiter zu terrorisieren.“ Jetzt grinste er furchteinflößend.
„Psychoterror? Doch nicht etwa wegen meinem Titan, ich bitte dich! Soooooo eine liebe Spinne.“
Tarzans Lächeln brach.
„Du kommst jetzt mit zurück! Nicht, dass noch weitere Reisende ausbrechen. Jeder vorzeitige Verlust wird mir vom Gehalt abgezogen.“ Er zwinkerte und griff nach ihrem Handgelenk.
„Ich bin keine Reisende!“ Mimi stemmte sich mit aller Kraft dagegen, musste jedoch einsehen, dass ihr Schwindel stärker war.
Als sie wieder erwachte, lag sie in ihrem Bett und schaute in die Augen eines Arztes.
„Sie haben uns heute Nacht große Sorgen gemacht! Habe Ihnen etwas gegen die Fieberträume gespritzt. Nur gegen die Entzugserscheinungen der Lunge bin ich machtlos.“ Der Weißkittel lächelte.
Wie auf Kommando rieb sich Mimi den Kopf. „Ihre Kopfverletzung heilt und ich denke, sie können bald nach Hause.“ Dann wandte er sich ihrer Zimmernachbarin zu, ohne dass sie hätte noch etwas zu ihm sagen können.

Doch im Grunde war es Mimi auch egal, alles was zählte, war: Alabama Jubeldidei – auf nimmer Wiedersehen!

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