Das Ballhaus

Liebe Lesende,

wieder ist es soweit und eine vertonte Geschichte bei EAPoe Productions darf nachgelesen werden. Ihr findet die großartige Lesung hier.

Leider hat ein Bluescreen dafür gesorgt, dass mein angedachter und begonnenerTeil 2 viel zu früh in die ewigen Geisterwelten eingegangen ist. Doch ich verzage nicht und gehe das baldmöglichst erneut an.

Nun erst mal viel Spaß mit meinem Dauerbrenner.

Das Ballhaus

Man braucht vor niemand Angst zu haben.
Wenn man jemanden fürchtet, dann kommt es daher,
dass man diesem Jemand Macht über sich eingeräumt hat.
Hermann Hesse

1925
Die Atmosphäre hätte ausgelassener nicht sein können.

Aufgrund der Eingemeindung zahlreicher Ortschaften der Umgebung, hatte der Tanzsaal heute mal wieder Hochbetrieb. Alle erdenklichen Modepüppchen schwangen mit ihren Partnern ausgelassen das Tanzbein zu Charleston-Musik. Die eigens zum Lokal gehörende Combo spielte einen mitreißenden Titel nach dem anderen. Ihre Schlager wurden lediglich von kurzen Getränkepausen und Musikwünschen der Anwesenden unterbrochen. An den roten Säulen unter der Galerie standen gelangweilte Herren. Felix schnappte Wortfetzen über die bevorstehende Ansprache eines gewissen Adolf Hitler auf. Keiner wusste so recht, was man von diesem neuen Stern am Politikerhimmel halten sollte.

Es würde ein langer Abend für Felix und ein feuchtfröhlicher für seine Ursula werden. Gerade blinzelte sie ihm von der Tanzfläche aus zu, auf der sie sich schon eine gefühlte Ewigkeit mit ihrem Bruder Helmut amüsierte.

Er lächelte freundlich zurück. Was wusste die Kleine schon von seinen Geheimnissen? Felix holte nervös eine Taschenuhr aus seiner schwarzen Fracktasche. Sie reflektierte das Licht der Spiegelkugel in der Saalmitte.

23:35 Uhr.

Er wartete.

Du musst unbedingt mit auf die Tanzfläche!“ Ursula stand plötzlich vor ihm und ergriff seine Hand. Sie zerrte ihn mit sich, unter die Kugel. Felix schaute nach oben und ihm wurde auf einmal total schwindelig. Von den Leuten um ihn herum, dem ewigen Gläserklirren, den ihn permanent umgebenden Gerüchen nach Alkohol, Schweiß oder seiner eigenen nackten Angst.

Bevor Felix das Bewusstsein verlor, nahm er gerade noch aus den Augenwinkeln einen Mann mit Schnauzer in merkwürdigen Hosen und Hemd wahr, der interessiert in den Raum schaute. Warum trug er seinen Hut noch?

~

2025
Herr Dr. Huth!“, dröhnte es aus dem Lautsprecher.

Ludovico Huth stand von seinem Platz im viel zu gelb getünchten Wartebereich auf und schritt erhobenen Hauptes zu dem Raum, dessen Tür nach dem Ausrufen seines Namens offen gelassen wurde. Sein grau melierter Schnurrbart zuckte kaum merklich.

Drinnen dann empfing ihn penible Leere – bis auf seinen etwas anstrengenden Möchtegern-Chef, Chicotte Vegas (ja, ohne jedweden Titel!), den Ludovico lieber von hinten sah. An dem einzigen Mobiliar, einem gläsernen Schreibtisch, drehte er nervös seinen Stift in der Hand und zwang sich zu einem Lächeln. „Setzen Sie sich doch.“ Absolut kein gutes Zeichen.

Ludovico hatte ganz und gar keine Lust, weil der angebotene Stuhl niedriger war, als der Chefsessel. Er kam der Aufforderung nur widerwillig nach und setzte sich sprungbereit auf die Kante. Seinen schwarzen Hut nahm er ordnungsgemäß ab.

Verehrtester – “, hob Vegas an.

Was kann ich diesmal für Sie tun?“ Ludovico räusperte sich und seine Augen funkelten. Er wusste, dass er diesen Ton anschlagen konnte, weil er unentbehrlich war.

Okay, dann ohne gehobenen Smalltalk, ich brauche Ihre Kooperation, Mann.“

Was für eine Überraschung. Ich hegte kaum Hoffnung, es ginge um eine Gehaltserhöhung.“ Ludovico zog die linke Augenbraue hoch und schmiss seinen Hut galant auf den Schreibtisch.

Nun räusperte sich Vegas.

Um auf den Punkt zu kommen … Sie kennen doch Professor Strebelmann aus dem übertrieben künstlerischen Containerbau vorm Biochemiegebäude der Universität.“ Seine grünen Augen fixierten Huth.

Derjenige, welcher jetzt mit diesem Pater Lordus in Auraforschungen verwickelt ist?“

Genau. Er hat etwas herausgefunden, was von immenser Bedeutung sein könnte.“

Ist das so?“ Ludovico entspannte sich ein bisschen. Wenn es nur um Wissenschaft ging, war alles in bester Ordnung.

Strebelmann hat festgestellt, dass die Auren von Menschen unter Fremdeinfluss leiden und daher blockiert sind. Weil sie quasi bereits manipuliert werden.“ Er holte Luft.

Durch Geister, nehme ich an?“

Sie wissen es?“ Vegas‘ Augen weiteten sich.

War nicht so schwer zu erraten, wenn sie mich, den taktisch besten und bisher erfolgreichsten Geisterjäger aller Zeiten um Hilfe bitten.“ Ludovico grinste süffisant.

Was heißt hier bitten? Das ist ein Auftrag, Huth! Der Geist, um den es geht, könnte dem Professor bei seinen Bestrebungen in der Auraforschung helfen! Stellen Sie sich mal vor, was die Medien berichten, wenn wir den zuerst fangen!“ Vegas war aufgesprungen und hatte es geradezu herausgebrüllt.

Ludovico war ebenfalls aufgestanden. „Und wenn ich ablehne, was machen Sie dann? Selbst auf die Jagd gehen?“

Sie … Sie … “

Ja?“

Sie … können nicht ablehnen!“

Warum nicht? Ich habe mein Auskommen, mit oder ohne Extraaufträge.“ Nach einer langen Stille, in der Vegas ihn nur unangenehm taxierte, fügte Ludovico hinzu:„Und mein Ruf ist auch intakt.“ Das linke Auge seines Chefs zuckte.

Ich schicke Ihnen die Details aufs Tablet und kommen Sie mir ja nicht mit Machtspielchen! Da kenne ich mich besser aus! Und jetzt raus!“

Dieser Aufforderung kam Ludovico ausnahmsweise mal gern nach. Er setzte seinen Hut auf. Armer alter Chicotte Vegas. War schon schlimm, wenn die Mitarbeiter trotz aller erdenklichen Demütigungen die Oberhand behalten und auch noch Recht hatten. Er drehte sich an der Tür noch mal um, klopfte zweimal an seine Hutkrempe, schmunzelte und verschwand.

~

Nach einem harten Tag mit wirklich anstrengenden Poltergeistern schlenderte Ludovico gerade am Altenburger Schloss vorbei, als sein elektronisches Notizbuch penetrant vibrierte. Er warf einen kurzen Blick darauf, Mitteilung von Chicotte Vegas. Konnte warten.

Später, in seinem Tüftlerkeller, genoss er erst mal ein Tässchen seiner geliebten Symphonie in Bitter-Sweet, Assamtee mit Honig. Ed Cetera, so hatte er seinen PC getauft, war gerade auf Gespenster-Tauchstation und spuckte permanent Daten über das jüngst erst aufgetauchte Phänomen der Unter-Wasser-Geister aus.

Ludovico zog sein Tablet halb gelangweilt, halb interessiert zu sich, tippte bei Chicotte Vegas auf Nachricht öffnen und las:

Auftragsort: Das alte Ballhaus in Gera (bei der Braustraße)

Auftraggeber: Strebelmann Corporations

Geistform: unbekannt (daher kein Bild)

Geistmentalität: defensiv

Kommunikation mit Geist: erwünscht

Geistfestnahme: erwünscht

Geisteliminierung: unerwünscht

Gerätschaften: die Üblichen

Sonstiges: Charly Hafer, Promotionsstudentin der Geistographie, Geistgasanalyse, Geistframing und Geistschallvernebelung wird Sie im Rahmen eines schweizerischen Feldforschungsseminars begleiten.

Bei diesem Punkt war Ludovico aufgesprungen. Was? Da drückte ihm dieser Witz von einem Chef einen Auftrag auf, den er nicht brauchte und dann setzte er ihm auch noch eine Assistentin vor die Nase? Das konnte doch alles nicht wahr sein! Er las es abermals durch, aber der Text blieb derselbe. Ludovico dachte noch mit Grauen an seinen letzten Praktikanten aus München. So ein typischer oberbayerischer Idiot mit der noch typischeren Metropolenarroganz und urbanen Neurose. Drängte sich nur in den Vordergrund und markierte das Alphatierchen, obwohl er von nichts eine Ahnung hatte. Münchner waren ihm von jeher suspekt. Sie hauten extrem eingebildet auf den Putz und erklärten den Rest der Welt für blöd. Dabei kriegten sie nicht mal ansatzweise selber auf die Reihe, was sie anderen an Tollheit vorschwärmten. Wer sollte solche Leute ernst nehmen? Genug davon.

Ludovico zwang sich, die weiteren Auftragsdetails zu lesen:

Treffpunkt: Gera, vorm Ballhaus

Auftragsbeginn: 10.09.

Auftragsende: unbekannt

Bezahlung: nach Vereinbarung

Das ist wirklich die Höhe! Ludovico schnaubte in seinen Tee. Jetzt sollte er Unmengen an Zeit, die ihm für andere Aufträge fehlte, investieren und wusste nicht mal, ob es sich für ihn überhaupt lohnte?

Er griff zum Hörer. Kurzwahltaste neun.

Huth, ich hatte ihren Anruf fünf Minuten eher erwartet, mussten Sie sich erst den Text zurechtlegen?“ Vegas würde auch gut nach München passen.

Wollen Sie mich veralbern?“

Jetzt beruhigen Sie sich erst mal.“

Ich bin die Ruhe selbst.“

Was ist denn das Problem?“

Es gibt zwei: das erste ist eine gewisse Charly Hafer und das zweite eine nicht definierte Vergütung. Das kann unmöglich Ihr Ernst sein!“

Machen Sie sich doch nicht in die Hosen wegen einer hübschen Frau!“ Vegas lachte heiser in den Hörer. „Sie werden sie gar nicht weiter bemerken.“

Es interessiert mich nicht, wie die Grazie aussieht, ich habe einfach ungern Leute bei meinen Aufträgen. “

Ach, Sie sind echt ein makabrer Bursche. Dann gibt es eben einen Aufpreis.“

Das wäre dann wie viel insgesamt?“

50 000 Euro – aus dem Forschungsfond.“

Ludovico legte auf. Sein Chef hatte sie doch nicht mehr alle beisammen. Kein Mensch bezahlte in der heutigen Zeit eine solche Summe für einen simplen Geist. Es sei denn … die Erscheinung war etwas total Besonderes.

Er kratzte sich am Schnurrbart. Im Regal über seinem Tüftlertisch fiel ihm das Buch Die Enzyklopädie der Geister ins Auge. Natürlich, verlegt im Fahrenheit Verlag, 2015! Er pustete den Staub ab und schlug sie auf. Sein Finger suchte im Inhaltsverzeichnis nach dem Kapitel der idiosynkratischen Geistarten. Da war es auch schon! Er blättert hastig zu Seite 509, Synopsis:

Uniformierter Polizeigeist und Uniformierter Schulgeist

Gebrauch von Telepathie zur Beherrschung der inneren Wildheit

Zweck: Vollständige Kontrolle und Unterjochung

(zählen zu den Hadal)

Wilder Synapsengeist

Weiterführung durch Widerspruch

Zweck: Vollständige Kontrolle durch Umlernen im Geiste

(zählt zu den Chektin)

Verteidigender Sub-Gänger

Sonderform des vergeltungsmotivierten Wiedergängers. Rastlosigkeit lässt ihn an Orten intensiver Liebschaften sein Unwesen treiben.

Zweck: Vollständige Kontrolle durch Schmerzempfinden

(zählt zu den Mantrik)

Ludovico staunte. Er hatte vor Urzeiten mal von diesen drei Sonderfällen gehört, aber nie für möglich gehalten, jemals einem davon zu begegnen. Wobei es ja gar nicht sicher war, dass es sich um einen dieser gelisteten Geister handelte. Möglicherweise traf er auf einen ganz neuen, vorher nie beschriebenen. Ludovicos Interesse stieg und er bekam sogar ein bisschen Lust auf diesen Auftrag. Wenn nur diese Charly Hafer nicht wäre. Er seufzte und stellte das Buch zurück ins Regal.

~

Am 10.09. stand Ludovico gegen Mittag mit seiner einzigen Ausrüstung, einem kleinen Gerät in der Größe eines PDA, vor dem Ballhaus in Gera. Was für eine verfallene Hütte! Ein perfekter Ort für außergewöhnlich schaurige Gesellen! Seine Begeisterung wuchs. Überall abgeplatzte Farbe und heruntergefallene Dachziegel. Teilweise gab es nicht mal mehr Fenster.

Fehlen tat auch das Guetsli1, Frau Hafer. War eigentlich klar, er konnte sich eben nur auf sich selbst verlassen. Ludovico beschloss, keine weitere Zeit zu verschwenden und quetschte sich an einer vorm Eingang gewachsenen Buche vorbei und durch einen kleinen Schlitz in der Tür hinein. Wie gut, dass er immer schlank geblieben war.

Er knipste seine Taschenlampe an. Die verbliebenen Fensteröffnungen im Erdgeschoss waren erst mit Brettern vernagelt und danach mit einer dicken Schicht Werbeplakate längst vergangener Konzerte zugeklebt worden. Spinnweben kitzelten aufdringlich sein Gesicht. Er wischte sie mit dem Arm weg und leuchtete in den Flur. Dort bot sich Ludovico ein nicht so häufig gesehenes Bild: ausgehängte Türen, die mit abgefallenem Putz von der Decke eine Art Symbiose bildeten, lagen auf dem Boden verstreut. Er musste darüber klettern. Unter seinen Schritten knarrte der Boden. Er ging vorsichtig weiter. Etwas rieselte auf seinen Hut. Gut, dass er ihn noch nicht in die Reinigung gebracht hatte.

Ludovico musste den Ballsaal finden. Dort würde er aufgrund der hohen Gefühlsdichte, die seit damals nachklang, die besten Chancen auf eine gespenstige Begegnung haben. Wahrscheinlich befand sich das Zimmer eine Etage höher. Seine Nachforschungen hatten ihm verraten, dass der Raum 1910 als „Wintergarten-Saal“ eines Restaurants fungierte.

Das Treppengeländer wirkte keineswegs vertrauenswürdig, und auf dem Aufstieg lag jede Menge Müll – von ehemaligen Hausbesetzern? – sowie andere Spuren des Verfalls. Ludovico nahm vorsichtig Stufe für Stufe und passte auf, dass seine Schuhspitzen nicht allzu schmutzig wurden.

Ludovico blieb kurz stehen und lauschte. War da nicht gerade ein Raunen neben ihm? Er leuchtete in die entsprechende Richtung: Nichts. Alles nur Imagination. Er wandte sich wieder um. Moment mal. Eben waren da doch noch so viele abgebrochene Wandstückchen … und das Geländer – es sah so frisch gestrichen aus. Leise 20er-Jahre-Musik und Gesprächsfetzen drangen an sein Ohr. Er stieg weiter hinauf. Ludovico zuckte zusammen, als ihn ein elegant gekleideter Herr, der von oben kam, streifte. Er fröstelte an der Kontaktstelle und schloss die Augen. Es war niemand hier. Aber dieses Flüstern … Huth, reiß dich zusammen! Woher kam es? Aus seinem Kopf? Geister zeigten sich nicht auf diese Art und Weise! Er atmete viermal ruhig durch und öffnete die Augen. Alles erschien ihm wieder normal verfallen.

Ludovico beschleunigte seinen Schritt. Oben gab es nur einen riesigen Raum. Staub tanzte im müden Glanz des Tageslichts. Er stand lange in der Tür und ließ den Saal auf sich wirken. Ihm war erneut, als wäre er nicht allein. Undefinierbare Geräusche, durchbrochen von einem Schrei und Gepolter. Für den Bruchteil einer Sekunde schien ihn in der Mitte der ehemaligen Tanzfläche ein Mann anzustarren. Dieser kollabierte in dem Moment, als das Bild sich vor Ludovicos Augen verzerrte.

Er konzentrierte sich nun auf das Längsende des Zimmers. Dort befand sich eine kleine, äußerst baufällige Bühne. Die Besitzer hatten 1924 und 1925 sogar ein eigenes Orchester engagiert. Putz bröckelte von den ehemals grün gestrichenen Wänden. Er trat an eine der tragenden Säulen und strich mit dem Finger über die rote Farbe. Sah aus der Nähe ganz normal aus. Die Wand dahinter auch – hatte er nicht eben einen anderen Eindruck bekommen? Zigarrenqualm kitzelte sehr real seine Nase. Was war denn hier bloß los?

Er musste sich auf etwas anderes konzentrierten und schaute an sich herunter. Sein Trenchcoat! Schmutzpartikelchen und abgeblätterte Farbe warteten darauf, abgeputzt zu werden. Vielleicht sollte er ihn ablegen. War er nicht gerade neben der Treppe an einer Garderobe vorbeigekommen?

Er kehrte um und sog den modrigen Geruch des Vorzimmers ein. Mit mulmigem Gefühl hängte er den Mantel an einen der alten Garderobenhaken, Nummer 451. Er dachte zwanghaft an seinen Lieblingsautor, während er letzte Falten des Trenchcoats ordnungsgemäß glattstrich.

Zurück im verfallenen Saal überlegte Ludovico, wo er seinen kleinen Geisterscanner hinlegte, denn der Boden war ihm zu unsicher. Oben verlief noch eine Galerie um den gesamten Tanzbereich. Ziemlich ungeeignet, denn es fehlte schon hier und da ein Stück Mauer. Links vor der Bühne erschien ihm vorerst der beste Platz.

Als er vorsichtig den Boden testend in Richtung Bühne vorwärts schritt, gab es einen außerordentlich lauten Knall. Ludovico schlug die Arme vors Gesicht und kauerte sich auf den Boden. Durch die Decke fiel neben Putz und Brettern etwas Kreischendes direkt vor die Bühne, genau an die Stelle, wo Ludovico gerade hin wollte. Er blinzelte. Wegen der Wucht des Aufpralls schlug was-auch-immer den Boden gleich noch einmal halb durch und zwei zarte Händchen tauchten am Rand des Einbruchslochs auf.

Dammisiech2!“

Gesundheit!“ Ludovico war vorsichtig näher getreten.

Hätten Sie die Güte, mir zu helfen?“ Eine Frauenstimme, sie war anscheinend etwas verstimmt.

Klar.“ Ludovico reichte ihr seine Hand, die sie stärker als erwartet erfasste. Etwas umständlich schwang sie ein Bein über den Rand und drückte sich dann nach oben. Er zerrte sie unbeholfen von der Einbruchstelle weg und betrachtete ihre sehr markante Nase. Ein Tuch in die rötlichen, langen Haare gebunden, lächelte ihn ein aufgewecktes Gesicht an.

Sie sind schon mal kein Geist“, stellte er fachmännisch fest.

Und Sie müssen Dr. Huth sein.“

Derselbige bin ich.“ Er lupfte seinen Hut.

Charly Hafer.“

Ach was! Wissen Sie eigentlich, dass Sie genau da eingebrochen sind, wo ich gerade meinen Geisterscanner hinlegen wollte? Wie sind Sie überhaupt unbemerkt da hoch gekommen?“ Ludovico wies nach oben, wo man jetzt den milchigen Himmel erkennen konnte.

Naja, nachdem sich der Spalt in der Tür unten als für meine Anatomie unbrauchbar erwies, habe ich meine aufblasbare Leiter angelegt.“ Ludovico zog eine Augenbraue hoch, diesmal die rechte.

Ach, die hat nun mal eine bestimmte Höhe. Ging etwas über das Dach hinaus und ich musste improvisieren.“

Ich sehe schon, ein äußerst brauchbares Utensil.“

Machen Sie sich gerade über mich witzig?“

Wenn, dann lustig. Aber wie käme ich denn dazu?“ Ludovico grinste schief.

Genervt stand sie auf und klopfte den Putz von sich ab, als sei nichts geschehen. Danach schaute sie sich um und stupste mit dem Finger gegen eine der roten Säulen.

Ganz schöne Bruchbude hier.“

Neuer Scannerplatz … Scannerplatz … “ Ludovico ging auf die rechte Seite des Raumes. „Hier vielleicht.“

Schon mal auf der Bühne versucht?“ Fräulein Hafer kam näher und schaute sich das kleine Gerät an.

Am Boden ist es besser.“ Er würde sich doch vor ihr keine Blöße geben. Wobei er zugeben musste, dass die Idee nicht schlecht war.

Warum?“

Nun, die Geistersuche ist wie ein Spiel. Es ist Pflicht, Krieg und Gefängnis gleichermaßen. Auf der Bühne gab es keine starken Gefühle, nur Musik!“

Aha. Musik ist also kein Gefühl?“

Nicht stark genug.“

Also ich habe da neulich ein Paper gelesen, darin stand … “, weiter kam Hafer nicht, weil Ludovico abwinkte.

Die schreiben viel, wenn der Tag lang ist, aber gut, wenn Sie darauf bestehen, stellen wir den Abtaster eben auf die Bühne.“

Haben Sie eigentlich das neueste Modell?“ Hafer war, wie er es erwartet hatte, sehr anstrengend.

Nein, aber sämtliche Upgrades.“ Ludovico seufzte, während er das Gerät justierte und auf scan drückte.

Die neueren sollen bei Nacht besser funktionieren.“ Hafers Ton erschien Ludovico durchaus sachlich.

Wo haben Sie das denn gelesen?“

Magazin für Geisterforschung.“ Die junge Frau sprang schwungvoll auf die Bühne. „Uuups.“

Es kam Ludovico für einen Moment vor, als würde das Haus unter ihnen zusammenstürzen. Nach außen gab er sich unbeeindruckt und wartete mit verschränkten Armen auf die Ergebnisse des Scans. Angespannt beobachtete er Charly Hofer.

Hier ist eindeutig ein Geist. Ich fühle das.“

Ach ja? Was genau fühlen Sie denn?“

Druck auf dem Kopf.“

Trinken Sie etwas.“

Das ist doch erst, seit ich auf der Bühne bin.“

Achso. Was noch?“

Zigarrengerüche.“

Kein Wunder, die sind sicher im Bühnenbelag, hier wurde seit Jahren nicht gelüftet.“

Nein, das ist anders! Außerdem … da drüben“, sie zeigte auf eine unbestimmte Stelle nahe des Ausgangs, „da lag das Stück Putz vorhin etliche Zentimeter weiter vorn.“

Ja, das ist ein eindeutiges Zeichen für einen Geist.“

Ach, Sie wieder.“ Sie winkte ab.

Ludovico betrachtete Hafer, wie sie mit den Armen gen Decke gerichtet auf der Bühne stand. Fast schon aufführungsreif. Was würde sie wohl darbieten?

Mein Transzendenzgrad ist offensichtlich höher als Ihrer.“ Jetzt wurde sie auch noch pampig.

Meinen Sie?“ Ludovico lächelte in sich hinein. Die Gute musste noch viel lernen.

Ich spüre ihn jedenfalls ganz deutlich. Hören Sie das auch?“

Was?“ Ludovico schaute auf seinen Scanner. Wenn der Geist so nah wäre, wie sie behauptete, müsste das Gerät eigentlich anschlagen. Tatsächlich, sein Equipment piepste.

Na also! Alles in bester Ordnung.“ Huth nahm den Scanner. Dieser leuchtete kurz auf und anschließend war der Bildschirm schwarz.

Das ist aber merkwürdig.“

Ja, finde ich auch, Sie hören es also.“

Nein, doch nicht das. Ich meine das Tastgerät. Es ist aus. Und wenn ich es wieder anschalten will, zeigt es: battery low. Flüche!

Moderne Technik, ich sage es ja, machen Sie einen Kurs in Transzendenz, das ist viel verlässlicher.“ Sie grinste und lauschte angestrengt weiter.

So ein dummes, junges Ding! Sein Scanner hatte ihn vorher noch nie im Stich gelassen. Ob Hafer dessen Frequenzen störte? Eigentlich war das komplett unmöglich! Er würde das Thema heute Abend zu Hause recherchieren.

Ludovico nahm unterbewusst ein kratzendes Geräusch wahr.

Da ist es wieder.“ Hafer sprang von der Bühne in Richtung Ausgang.

Warten Sie mal. Haben Sie überhaupt eine Lichtquelle?“ Ludovico folgte ihr um die Löcher im Boden tänzelnd, vorbei an seinen Trenchcoat am einzig behangenen Haken und folgte ihr ins Untergeschoss.

Am Ende der Treppe, prallte er mit Schwung gegen das Schweizer Medium.

Passen Sie doch auf!“

Herrje! Verzeihung!“, entschuldigte sich Ludovico, zog seine LED-Lampe aus der Hosentasche und knipste sie an.

Wir sollten in den rechten Gang.“ Hafer spähte in die Dunkelheit.

Ludovico ging voraus und leuchtete. Sollte er sich vorhin doch nicht getäuscht haben, das unbestimmte Raunen kam auch aus dieser Richtung. Wieder Knarren.

Au! Passen Sie auf die Putzbrocken auf.“ Sein Fuß war an einem sehr großen Stück abgeprallt und sein Zeh schmerzte pochend.

Hier hat sicher ewig keiner mehr geputzt.“ Hafer kicherte in Ludovicos Rücken.

St-st-st-st-stimmt“, pflichtete ihr eine dunkle Männerstimme bei. Die Schweizerin erstarrte vor Schreck mitten in der Bewegung und krallte ihre Fingernägel unsanft in Ludovicos Oberarme. Dieser leuchtete in den kaum sichtbaren Zimmereingang neben ihnen. Das Licht seiner LED-Funzel traf einen ausgemergelten, einarmigen Menschen mit zerzaustem Bart und Augenbinde.

Charly Hafer schrie laut auf.

~

Was für ein merkwürdiger Tag. Ludovico wusste nicht, was er von der ganzen Sache halten sollte. Nachdem er sich in seinem Refugium über plötzliche Batterietotheit und jedwede Störfaktoren für Geisterscanner gebildet hatte, fühlte er sich kein bisschen schlauer.

Charly Hafer schrieb ihm permanent merkwürdige Emails über ihre wiederkehrenden, eigenartigen Träume, seit sie das Ballhaus verlassen hatten. Die absurde Krönung war dieser im wahrsten Sinne des Wortes behinderte Hausbesetzer. Und seine eigenen Zeitverzerrungen. Wieso konnte er das Flair von damals so klar sehen als wäre er dabei? Die früheren Gäste des Ballhauses konnten ihn sogar berühren! Das Guetsli schien vor derlei verschont zu sein. Sonst hätte sie doch was gesagt, oder?

Ludovico fühlte sich zwar nicht direkt überfordert, merkte aber, dass irgendetwas nicht mehr stimmig war. Vielleicht sollte er seinen Beruf an den Nagel hängen und ein anderes Gewerbe aufziehen. Interessenten für Geisterjäger gab es auf dieser Welt genug. Er könnte eine Forschungsgruppe gründen. Oder einfach eine Weile untertauchen, natürlich erst, nachdem er die 50.000 Euro Gage von Vegas kassiert hatte. Oder aber –

Das Schellen seines Teeweckers riss ihn jäh aus seinen Gedanken. Er schraubte routiniert das Honigglas auf und rührte einen großen Löffel in seinen Killerassam of Doom. Er roch daran. Göttlich. Ludovico lehnte sich zurück und war für die nächsten zehn Minuten nicht für äußere Einflüsse zugänglich. Auch nicht für das unauslöschliche Pling des Mailfaches.

Moment mal.

Beinahe hätte er sich an seiner Symphonie verschluckt. Jetzt fiel es ihm wieder ein! Natürlich gab es bereits solche Paravisionen in seiner Vergangenheit! War bei ihm allerdings nicht als schöne Erfahrung haften geblieben. Er musste ungefähr fünf Jahre alt gewesen sein, da hatten ihn seine Eltern mit in das Altenburger Schloss genommen. Dort herrschte ein bunter Trubel an Bediensteten, Hofdamen und faszinierenden Gauklern. Ludovico wäre der „Fehler“ wohl nie aufgefallen, wenn er nicht seinen Vater gefragt hätte, ob er mit der Tochter der Magd spielen dürfe. ‚Welche Magd, hier ist doch nur ein Museum mit Bildertafeln?‘ Sein Vater sah konsterniert drein. Danach hatte er seinen Sohn in sämtlichen Einrichtungen durchchecken lassen. Ludovico konnte seine Stimme im Arztzimmer nach all den Jahren noch ganz deutlich hören: ‚Irgendetwas stimmt mit dem Jungen nicht, finden Sie den Fehler!‘ Sein genetischer Vorläufer hatte vor irgendetwas Angst, das war Ludovico auf einmal klar. Er selbst hatte nach diesen Vorfällen beschlossen, nie wieder jemanden an sich heran zu lassen. Bis heute. Ein kleiner ausweichender Gedanke stahl sich zu Charly Hafer. Pling.

Er klickte auf sein Mailprogramm.

Traum 5

Dr. Huth! Das wird alles immer verrückter.

Heute war ich eine Bettlerin und zeitgleich Fürstin!

Ich saß total zerlumpt an irgendeinem Weg und Reiter gaben mir im Vorbeitraben Almosen. Die Münzen trafen mich manchmal im Gesicht und hinterließen Brandspuren. Während das eine passierte, tischten mir irgendwelche Angestellten die verrücktesten Speisen auf und ein Mann, wohl meiner, bewarf mich mit Perlen und Gold. Überall, wo mich eine Perle traf, fing ein kleiner Punkt auf meiner Haut an zu leuchten.

Der Traum endete, als ich durch und durch leuchtend einem herannahenden Pferd samt Reiter ein Bein stellte. Er fiel mit angstverzerrtem Gesicht direkt auf mich zu.

Traum 6

Dr. Huth! Irgendwas müssen diese Träume einem doch sagen wollen? Ich hatte so etwas noch nie!

Ich träumte wieder von diesem Typen. Ich glaube, es war derselbe, der vom Pferd fiel. Können Geister Träume kontrollieren? Hat man das schon erforscht?

Diesmal strich er mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich unter meiner Haube gelöst hatte. Ich habe an mir herunter gesehen und trug merkwürdige Kleidung, einen langen dunklen Rock mit Schürze drüber und ein rotes Brusttuch! Mir ist noch wenn ich diese Mail schreibe, als könnte er in den verborgenen Stellen meines Herzens lesen.

Geh noch nicht weg!“, hat er gesagt und geschaut wie ein begossener Pudel. Der Ton seiner Stimme war dunkel, eine sonore Mischung des Sounds aller Geliebter, die ich je hatte. Ich glaube ich drehe durch.

Später sah ich denselben Mann in einer Fabrik sitzen. Es sah aus, als haben sie altertümliche Instrumente (Drehorgeln und Mundharmoniken) hergestellt. Er sah völlig verwahrlost und traurig aus.

Traum 7

Dr. Huth! Hier kommt nun der vorerst letzte Traum, an den ich mich erinnern kann. Es sind immer nur so kurze Sequenzen, selbst wenn ich einen Stift neben das Bett lege, schaffe ich es nicht, alles zu notieren, bevor es im Treibsand meines Unterbewusstseins verschwindet.

Erst bin ich aufgewacht und eine Träne lief mir die Wange hinab. Ich wollte meinen Traum aufschreiben und stellte fest, dass kein Stift da war – erst dann realisierte ich, dass ich nicht munter sein konnte. Warum weinte ich im Traum? Und wieso war meine Brust so schwer, als lägen Hinkelsteine drauf? Irgendjemand war gestorben, ich fühlte es. Erst dachte ich, vielleicht diese komische Gestalt, die seit dem Ballhaus in allen meinen Träumen erscheint. Aber dann schaute ich neben mein beklemmendes Bett und sah ein Meer aus Blumen. Ich lag in einem Sarg!

Ludovico staunte. Er war nach nunmehr fest davon überzeugt, dass dieser Geist, wer oder was auch immer es war, versuchte, mit Charly zu kommunizieren. Auf seine eigene, merkwürdige Weise. Warum hatte er ausgerechnet sie auserwählt? Stand das in irgendeinem Zusammenhang zu seinen Ballhaus – Halluzinationen? Konnte eigentlich nicht sein, Traum fünf deutete auf eine ganz andere Zeit hin. In den 20er Jahren gab es keinen König mehr. Des Weiteren passte die angegebene Kleidung nicht. Rotes Brusttuch … wann trug man das – 1800? Ein Blick ins Internet ergab, dass Gera ab 1825 Drehorgeln produziert hatte. Der Geist muss dementsprechend sehr viel älter sein, als das Ballhaus selbst.

Er verschwendete einen kurzen Gedanken daran, den Hausbesetzer beim nächsten Mal zu fragen, ob er auch absonderliche Dinge sah oder träumte, verwarf es aber wieder, denn der Einäugige ließ eine Saite des Unbehagens in ihm erklingen.

Ludovico musste das Rätsel selber lösen – und, ob es ihm passte oder nicht, mit seiner Schweizer Assistentin. Ihn beschlich das Gefühl, dass es hier um weit mehr als diesen Geist ging. Er spuckte die mittlerweile kalt gewordene Symphonie an Tee wieder aus. Seine Finger trommelten auf der Schreibtischplatte. Dies alles konnte er absolut nicht gutheißen.

~

Tagsüber war es schon gruselig, aber bei Nacht – uiuiui.“ Charly schien in Bestform.

Ludovico saß ihr auf der kleinen Bühne im Ballsaal im Schneidersitz gegenüber. Das vor dem Haus befindliche Straßenlicht tauchte den Raum in gespenstige Schatten. „Nun, es scheint bei Nacht tatsächlich weniger Störfaktoren zu geben. Immerhin hat der Scanner vorhin eindeutig einen Geist ermittelt.“

Wie beruhigend, ich brauche dafür keinen technischen Schnickschnack.“

Sind Sie eigentlich seit unserem letzten Zusammentreffen wieder zurück in die Schweiz gefahren?“

Ja. Deswegen fand ich diese Träume so absurd. Hier drin habe ich auch ein beklemmendes Gefühl, aber das ist laut Lehrbuch vor Ort normal.“

Ist es das?“

Etwas knarzte.

Ludovico legte seinen Finger an die Lippen. „Sind Sie im Ernstfall auf alle möglichen Eventualitäten vorbereitet?“ Er schaute sie fragend an.

Charly antwortete nicht, zeigte nur entgeistert in die Mitte des Raumes.

Da stand jemand. Oder auch nicht. Jedenfalls war die Person sehr transparent.

D-d-d-das i-i-ist e-e-r.“ Brachte sie leise hervor.

Der Geist, ja, ich sehe es.“

N-n-n-ein … d-d-d-er Typ aus m-m-meinen T-t-t-räumen.“

Umso besser.“

Eine Sekunde später, war dieses Etwas bei Ihnen auf der Bühne. „Die Band hat leider heute frei, sonst wäre mein Erscheinen etwas fulminanter ausgefallen.“

Och, meine Begleitung haben Sie auch so be-geistert.“ Ludovico grinste.

Sie meinen Katharina?“

Welche Katharina? Sie heißt Charly.“ Ludovico schaute zu seiner Hilfskraft, die den Geist anstarrte, als hätte sie … nun ja, einen Geist gesehen. Er fragte sich, ob er als Neuling auch so einschneidend unterwegs gewesen war.

Sie haben es gesehen oder?“, wandte sich der Geist an Ludovico.

Was?“

Die Atmosphäre von 1925.“

Achso, die. Ja, äh. Irgendwie habe ich wohl etwas gesehen.“

Nun starrte Charly ihn an.

Wer sind Sie eigentlich? Ich heiße Ludovico Huth und da drüben sitzt ….“

Katharina“, vollendete der Geist seinen Satz.

Mir hat sie sich als Charly Hafer vorgestellt.“

Ist sie stumm?“

Nein, sie hat nur zwischenzeitlich ihre Stimme verloren.“ Ludovico wurde ein bisschen ungeduldig, aber er fühlte sich besser. Wie es aussah, bestand eine geringfügige Chance, dass er die Sache allein lösen konnte.

Ich heiße Fritz. Fritz Reuter.“

Diese Erscheinung hatte eine erstaunlich kräftige Stimme. Seit Ludovico denken konnte, war dies der erste Geist, der nicht nur schemenhaft existierte, sondern auch wie ein Mensch sprach. Das Mädchen indes jagte ihm weit mehr Angst ein, als es dieses Gespenst je könnte. Ihre Augäpfel waren fast vollständig hervorgetreten.

Charly, verdammt, was ist los?“

Ich … er … Sie … äh.“

Geht es auch etwas genauer?“

Es verschwimmt alles, ich …“ Weiter verstand Ludovico nicht, weil sie langsam mit ihren Worten vor ihm verblasste und er selbst plötzlich im Freien saß. Ein kühler Wind wehte um seine Nase. Es roch nach Meer. Konnte das sein? Gera lag doch gar nicht an der Küste. Er befühlte den Untergrund, eindeutig Gras. Wo war die Bühne? Und wo steckte dieser Geist? Eben war Nacht, jetzt heller Tag. Langsam zweifelte er wirklich an seinem Verstand.

In der Ferne sah er eine Frau kommen. Sie winkte ihm zu. Absurd. Als sie näher kam, fiel ihm ein rotes Brusttuch auf und aus der Haube lugten rötliche Haare heraus. Diese Accessoires kamen ihm bekannt vor. Ludovico blieb wie erstarrt sitzen.

Charly?“, rief er ungläubig.

Sie reagierte nicht, kam näher … lief einfach weiter und weiter … und schließlich durch ihn hindurch. War er nun ein Geist?

Katharina!“, rief ein junger Mann hinter ihm. Ludovico drehte seinen Kopf, die beiden fielen sich in die Arme. Sie waren höchstens achtzehn Jahre alt.

Er blinzelte und rieb seine Schläfen. Das Bild blieb noch eine Weile vor ihm stehen. Dann verschwamm es in erneuter Finsternis und er saß wieder auf der alten Bühne. Charly war völlig weggetreten und Ludovico bemerkte, dass sie dieser Katharina verdammt ähnlich sah, nur in einer etwas älteren Ausführung.

Nachdem Napoleon geschlagen war, setzte auch in Mecklenburg die Industrialisierung ein. 1811 kam die Spinnmaschine, 1833 die erste Dampfmaschine und 1836 der erste mechanische Webstuhl“, sprach der Geist weiter. Oder war das der Jüngling von eben? „In diesen Umbruchszeiten lernte ich Katharina aus Gera kennen.“

Und Sie selbst haben in der Mundharmonikafabrik gearbeitet, stimmts?“

Unter anderem. Eigentlich schrieb ich Gedichte. Woher wissen Sie das?“

Ludovico seufzte. Er wusste dank Charlys Traumtagebuch, was als Nächstes kam.

Wir waren eine Zeitlang glücklich, aber dann -“

Ja, ich weiß, sie ist gestorben – an was eigentlich?“, unterbrach ihn Ludovico.

Schwindsucht.“ Die Erscheinung musterte ihn misstrauisch.

Charly, also die Frau da drüben, hat es geträumt. Ich dachte, Sie kommunizierten auf diese Weise mit ihr?“

Ich kann nur indirekt in Träume eingreifen. Über die Aura.“

Das ist mir bekannt.“ Ludovico machte eine Pause und nahm einen Fake-USB-Stick aus seiner Hosentasche. „Dürfte ich Sie bitten, in eine meiner, nun, sagen wir mal, Aufenthaltsräume zu kommen, damit ein renommierter Auraforscher mit Ihnen sprechen kann?“

Da soll ich reinpassen?“

Komprimierte Materiekapsel.“

Fritz schien zu überlegen. „Was kriege ich dafür?“

Die üblichen Preise und Orden.“

Was soll ich denn damit?“

An die Wand hängen.“

In dem Moment fiel ein weiterer Teil der Galerie ein. Huth seufzte. „Nagut, mein Fehler. Was wollen Sie denn?“

Katharina.“

Charly schien immer noch nicht Frau ihrer Sinne zu sein. Ludovico überlegte, ob er sie als Köder benutzen sollte. Er zuckte die Schultern. „Okay.“ Anschließend drückte er einen Knopf und der Geist wurde in den Nicht-USB-Stick gesaugt.

Ich nehme Sie beim Wooooooooooooort.“ Weg war er, der Fritz. Eigentlich ein Kinderspiel, mit diesen Sub-Gängern fertigzuwerden. Ludovico war eine Sekunde lang äußerst zufrieden, dann sprang er zum Guetsli und schüttelte sie.

Charly, kommen Sie wieder zu sich, es ist alles gut, wir können gehen.“ Sie fühlte sich gut an in seinen Armen. Ludovico ignorierte diesen Gedanken vorbildlich.

A-a-a-ber d-d-er G-g-geist.“

Habe ich in Gewahrsam.“ Er winkte mit dem Stick.

D-d-da drin?“

Ludovico nickte und wollte sie schnell von der Bühne herunter führen, als der Hausbesetzer von unten plötzlich in seinem Blickfeld auftauchte.

W-w-warten Sie mal.“ Er wirkte leicht aufgekratzt, seine Stimme zitterte.

Sie wünschen?“ Ludovicos Tonfall war gereizt.

Lass‘ sie als Pfand hier.“

Was? Bist du Fritz‘ Handlanger?“

Nur ein Freund.“

Ludovico schüttelte ungläubig den Kopf.

Ich bin auch euer Freund“, sagte der andere unbeeindruckt.

Wer’s glaubte. Ludovico war sich nicht sicher, wie der Einäugige ins Bild passte. Wieso half er Fritz? Was hieß hier eigentlich helfen? Was konnte er schon ausrichten? Ludovico schnappte Charlys Hand und versuchte, an ihm vorbei, nach unten zu kommen. Weit kamen sie nicht, denn sowohl der Saal, als auch die Treppe waren auf einmal voller Leute.

He, lassen Sie meine Hand los!“

Die Frau hinter ihm war eine furiose, extrovertierte Dame aus den 20ern. Nicht schon wieder. Also musste dieser Behinderte doch etwas mit seinen Zeitsprüngen zu tun haben. Flüche!

Ludovico blinzelte mehrfach, aber diesmal blieb die Umgebung dieselbe. Er wühlte sich durch die Leute zurück und suchte den prunkvollen Ballsaal systematisch nach Charly ab, allerdings ohne rechten Erfolg. Er gab vorerst auf und flüchtete hinaus, vor die Garderobe. Dort fragte ihn die Bedienstete, ob er seinen Mantel wünsche.

Nummer 451.“ Was tat er hier eigentlich? Sein Trenchcoat konnte doch gar nicht in der Vergangenheit hängen.

Ihre Marke, Herr …?“

Ludovico suchte automatisch in seinen Hosentaschen herum. „Ich, äh, komme später noch mal wieder.“ Er rannte die Treppe hinunter und vor das Gebäude. Wenigstens war immer noch Nacht. Vor der Haustür blieb er stehen und atmete tief durch. Drinnen, in der Eingangshalle, hörte er eine kleine Gruppe an Herren, die anscheinend der lauten Musik oder ihren Frauen oben entflohen waren.

Ludovicos eigene, geordnete Welt brach auf einmal Stück für Stück in sich zusammen.

Wenn Charly jetzt da wäre, würde er ihr etwas aus seinem Leben erzählen, wichtige Dinge, die keiner über ihn wusste, was auch gut so war. Er fühlte seit seinem Zeitsprung auf der Bühne, dass das Guetsli eine besondere Frau sein musste. Der Geist hatte ihm die Augen geöffnet. Ludovico war immer auf dem hohen Ross gesessen und wollte, dass die Welt und alles in ihr unter seiner Kontrolle ablief. Plötzlich aber empfand er das als sehr unsinnig. Charly war ein Segen für seine Seele. Und zwar einzig und allein durch ihre Art. Sanfte Erinnerungen, die er längst zwischen seinen Studien begraben hatte, wurden durch sie wiederbelebt. Eine kleine Träne lief seine Wange hinunter.

Ludovico nahm zwei Stufen gleichzeitig, um wieder hoch in den Ballsaal zu kommen. Er drängelte sich bis zur Bühne, schnappte sich das Mikrofon und schrie so laut er konnte:„Charly, wenn du mich irgendwie hörst, ich bin so ein Idiot gewesen! Ich war so verloren über die Jahre der Kontrolle und des Hasses.“ Mehr und mehr Tränen fielen aus seinen Augenwinkeln und flossen seine Wangen hinunter. „Bitte … wo versteckst du dich? Charly, wo bist du? Ich … !“

Ludovico starrte heulend in viele unangenehm berührte Gesichter.

Als er die Tränen mit einem altmodischen Stofftaschentuch getrocknet hatte und genauer hinschaute, entdeckte er unter den Anwesenden seinen Vater, der ein Klatschen andeutete, er erspähte den Hausbesetzer, der gar nicht mehr behindert war und ihm zuprostete, daneben stand Chicotte Vegas, sein Chef. Das konnte nun wirklich nicht sein! Keiner im Saal sagte einen Ton. Alle starrten ihn nur an. Die Band war ebenfalls verstummt. Ludovicos Bewusstsein verabschiedete sich endgültig.

~

Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem kühlen Bühnenboden im baufälligen Ballsaal. Es war hell und außer ihm schien keiner da zu sein.

Charly?“ Niemand antwortete.

Ludovico setzte sich auf. Die Situation musste endgültig unter Kontrolle gebracht werden. Nervös tastete er nach seinem Stick. Schien an Ort und Stelle zu sein.

Er traf an Ort und Stelle eine Entscheidung und machte sich auf den Weg nach Altenburg. Vegas wartete sicher schon auf ihn.

Dr. Huth!“

Ich komme ja schon, ist ihre Sprechanlage kaputt?“ Ludovico war erstaunt, dass der Chef ihn, nachdem er sich ordnungsgemäß angemeldet hatte, höchstpersönlich aufrief.

Nicht, dass ich wüsste, mir war ein bisschen nach Bewegung!“

Irgendwie sah der Boss heute anders aus. Als er seine Krawatte geraderückte, fiel Ludovico eine Rolex ins Auge. Die musste neu sein.

Ich wollte Ihnen nur den Geist bringen.“ Ludovico legte den Stick auf den Tisch.

Chicotte Vegas schaute ihn skeptisch an.

Was ist, wollen Sie ihn nicht mehr?“

Der Geist aus dem Ballhaus?“

Ja.“

Aber, den haben Sie mir doch schon gebracht.“

Wie bitte?“

Ja, und Sie sind ein feiner Bursche, denn Sie haben sogar auf ihre 50.000 Euro verzichtet.“

Ich bin doch eben erst aus Gera zurückgekehrt.“

Gestern.“

Das kann nicht sein.“

Ich habe Sie auf Video.“ Vegas schaltete seinen Überwachungsbildschirm an und spulte das Band zurück. Irgendein Typ mit Hut und Mantel, dessen Gesicht man nicht erkennen konnte, gab Ludovicos Boss einen Stick und lehnte tatsächlich das angebotene Geld ab.

Das gibt’s doch nicht!“ Ludovico schwitzte. Er spürte, wie seine Kontrolle mehr und mehr entglitt. „Aber?“

Ich weiß nicht, was in Ihnen vorgeht, aber vielleicht sollten Sie mal Urlaub machen. Diese Sub-Gänger sind wirklich fiese Burschen, die können einem schon mal zusetzen.“ Chicotte Vegas zwinkerte ihm völlig überflüssig zu.

Was ist mit Charly Hafer?“ Ludovico verstand überhaupt nichts mehr.

Die ist schon nach dem ersten Ballsaalbesuch mit Ihnen abgereist.“

Aber sie kam doch wieder!“

Nicht, dass ich wüsste. Sie meinte, sie seien ihr zu unheimlich. Außerdem verursache ihr das Ballhaus Alpträume.“

Ich habe sie heute Nacht noch gesehen!“

Chicotte Vegas zuckte mit den Schultern und zog ein besorgtes Gesicht.

Ich war noch nicht das letzte Mal in diesem Büro!“ Ludovico nahm seinen Stick und verließ den Raum.

Gerade jetzt, wo er seine Entscheidung getroffen hatte, passierte ihm so etwas.

Zuhause angekommen, braute er sich einen Tee und drückte auf den winzigen Knopf an der Seite des Sticks. Kein Geist kam heraus. Was war letzte Nacht vorgefallen? Die Sache ließ ihm keine Ruhe. Und das Guetsli hatte er sich ziemlich sicher nicht nur eingebildet. Der Fritz könnte sie mit zurück in seine vergangene Welt genommen haben, aber ergab das Sinn? Was war überhaupt seine Zeit? 1825, 1925, 2025? Alles gleichzeitig?

Pling.

Sein Mailfach zeigte eine Nachricht von Charly Hafer im Postfach. Na also! Geister schrieben keine Mails. Klick.

Lieber Ludovico!

Danke für diese grandiose Liebeserklärung ans Leben.

Ich durfte mich in der Nacht nicht zeigen, denn ich gehöre seit 1825 zu Fritz. Ich wurde in Charly Hafer wiedergeboren. Als lokal begrenzter Sub-Gänger hatte Fritz wenig Chancen, meine Seele jemals zu finden. Daher brauchte er Hilfe. Die kam überraschend im Jahre 1925. Du kannst dich vielleicht an diesen einen Mann erinnern, der bei deinem ersten Besuch im Ballhaus, unter der Lichtkugel, kollabiert ist. Das war dein Großvater, Felix Huth. Übrigens ein sehr feinfühliger Mensch, er hat bereits damals mitbekommen, dass in dieser Gaststätte etwas vor sich ging, was anderen Leuten verborgen blieb. Da dein Opa ein Genie war, versuchte er nicht nur, Fritz zu helfen, sondern auch, die Zeit zu manipulieren. Leider mit eher mäßigem Erfolg. Deswegen wurde deine Mittagsrealität mit seiner Mitternachtsrealität vertauscht. Er hat vor genau 100 Jahren auf dein Erscheinen gewartet. Ja, stell dir das mal vor – das war, bevor du geboren wurdest! Felix war klar, dass sein Leben beendet sein würde, bevor du alt genug bist, zu verstehen. Du solltest ihm helfen, Fritz endgültig von seinen Fesseln zu erlösen. Ich wurde durch meine Diplomarbeit auf Felix und seine Zeitmanipulationen aufmerksam und er hat mich in alles eingeweiht. Es kam an jenem bedeutsamen Abend aber anders. Bevor er mit dir sprechen konnte, wollte seine Ursula unbedingt tanzen. Von seinen Herzrhythmusstörungen wusste damals keiner. Nun, den Rest der Geschichte kennst du. Felix hat seine Attacke überlebt, er bekam später mit Ursula deinen Papa. Das Talent, mit Geistern zu kommunizieren, hast aber nur du geerbt. Das bemerkte dein Vater damals im Museum und weil ihm das schon bei seinem alten Herrn sehr große Angst eingejagt hatte, versuchte er es bei dir von Anfang an zu unterbinden. Du bist durch die Sanatoriumsaufenthalte ein introvertierter Mensch geworden, der immer alles unter Kontrolle haben möchte.

Mein Fritz wurde zu deinem Chef gebracht, es tut mir leid, dass du so um deine Belohnung gekommen bist, aber es ging nicht anders. Nachdem er diesem Wissenschaftler bei seinen Auraforschungen geholfen hat, konnte er sich endlich nach 200 Jahren entmaterialisieren.

Ludovico sippte an seiner Symphonie und las angespannt weiter.

Charly Hafer besitzt ein Bankschließfach der Nummer 451 in Gera, dort wartet eine Überraschung auf dich. Den Schlüssel findest du im Ballhaus. Du kannst dir sicher denken, wo. Wenn du eh noch mal hingehst, suche den Einäugigen auf. Er kann dir helfen, deinen Großvater abermals zu treffen. Dieser hat dir viele wichtige Sachen zu sagen. Du solltest jedoch vor 11:37 Uhr dort eintreffen, weil du immer nur zu jenem verhängnisvollen Abend mit der Zeitirritation zurückkehren kannst.

Für mich und Fritz bleibt nur ein: Dankeschön.

In ewiger Verbundenheit, Katharina/ Charly

Ludovico trank den letzten Schluck Tee, stand auf und verließ entschlossen seine Wohnung.

1Schweizer Ausdruck für eine naive Frau

2Verdammter Mist!

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