Das Missverständnis

Und wieder könnt ihr euch an einem eher kürzeren, aber bei YouTube vorgelesenen Text erfreuen.
Hier geht es konkret um eine Insight in einen meiner Lieblingscharaktere, man kennt ihn schon von den Kommunikationsproblemen: Prof. Strebelmann.
Eigentlich sollte er noch ein Abenteuer in Russland bestehen … oder war das mit  Russen? Na, egal 🙂 Leider sind mir sämtliche Plottzettel dazu im wahrsten Sinne des Wortes „weggeflogen“. Es wird also wohl noch ein Weilchen dauern.

Viele von euch wissen sicher, dass mir die auktoriale Erzählweise ein Graus ist. Ich wollte mich hier selbst testen und sehen, wie weit man auch allwissend und doch irgendwie interessant bzw. lustig erzählen kann. Ob mir das gelungen ist, könnt nur ihr entscheiden 🙂

Das Missverständnis

Im Labor des Professors war extrem dicke Luft.

Nachdem die Herstellung der vorgegebenen Essenz zum werweißwievielten Male nicht geklappt hatte, suchte Strebelmann Ruhe in seinem Büro. Er knallte die Tür zu. Nur nichts mehr von dem rosa leuchtenden Elend sehen. Nervös setzte er sich an seinen Schreibtisch. Seine Ausgangsformeln grinsten ihn hämisch an. Wenn das so weiter ging, würde er die Substanz niemals vor der Konkurrenz synthetisieren können. Und dann? Wann war überhaupt die Deadline für die Veröffentlichung? Er blätterte nervös in seinem Kalender aus Papier, weil er sich bisher nicht an ein neumodisches Tablet gewöhnen wollte. Oh nein! Übernächsten Monat schon! Wie sicher war sein Job noch, wenn er es nicht bald auf die Reihe bekam? Der Institutschef, dieser Scherzkeks, machte sich Gedanken über eine zu geringe Ausbeute, dabei ist die ganze Substanz noch zu verunreinigt, seine Apparaturen gingen dauernd kaputt und die neuen Grundstoffe würden wahrscheinlich auch nicht rechtzeitig geliefert werden. Aus dem Kalender lugte eine altmodische Visitenkarte. Der Gelehrte zog sie heraus. Telefonseelsorge.

Kurzentschlossen griff Strebelmann zum Telefonhörer. Dieses blöde rosa Zeug hatte ihn dermaßen aufgewühlt, dass er urplötzlich an seine Studentenzeit und an alle Sachen, die permanent schief gingen, denken musste. Die Gedankenspirale nahm ihren Lauf. Irgendwie war er nicht mal fähig, die richtige Temperatur für den Prozess zu finden. Und das als Vollblutchemiker! Die Substanz wurde und blieb giftig! In seiner Verwirrung vertauschte er zwei Nummern und landete bei der etwas gereizten Frau Neld in Berlin, die von allen nur die „Schneekönigin“ genannt wurde. Diese Dame hatte schon mehrere zweifelhafte Telefonate gehabt und gar keine Lust mehr auf schlechte Scherze. Des Weiteren war ihr Arbeitstag so gut wie vorbei.

„Ja?“ Ihre großen Ohrringe klirrten am Hörer.

„Ja, äh Strebelmann mein Name.“ Das Klirrgeräusch hatte ihn irritiert.

„Wat wollnse?“ Die in die Jahre gekommene Frau setzte sich aufrecht hin und glättete ihren Rock, wie sie es immer unbewusst tat, wenn sie nicht wusste, was sie erwartete.

„In meinem Leben läuft alles schief! Was kann ich dagegen tun? Gegenrudern? Schönreden? Regentanz aufführen?“ Strebelmann versuchte selbst in dieser Lage noch, witzig zu sein.

„Dat fragense alle.“ Neld rümpfte die Nase und zog ihren Eyeliner nach. Wenn dieser Arbeitstag hier endlich ein Ende hatte, würde sie in ihren Tanzcafé – Club gehen und es sich gut gehen lassen. Deswegen auch der viel zu kurze Rock. Auch mit fünfzig kann man noch gut aussehen, fand sie. Neld zupfte ihre blonden Haarfransen im Gesicht keck zurecht. Währenddessen sprach der mögliche Kunde weiter:„Ich bin ein absoluter Pechvogel. Dauernd klappt irgendetwas nicht, noch dazu bin ich total vergesslich und die Alterswehwehchen haben eingesetzt.“ Der Professor stand auf und lief unruhig hin und her. Er zog unbewusst die Tür zum Labor auf, schlug sie aber gleich wieder zu, als er die Substanz erblickte.

„Wat hab ick damit zu tun?“ Neld zündete sich gerade einen Joint an und zuckte ob des Türknalls mächtig zusammen. Sie hustete unkontrolliert ins Telefon.

„Und abgesehen davon verlege ich dauernd meine Sachen. Geht’s Ihnen gut?“

„Ja.“ Sie hustete sich aus. „Ach und nu wollnse bei mir Nachschub.“ Neld verstand.

„Nein, das nützt mir nichts, weil ich ihn auch wieder verlegen würde.“ Strebelmann seufzte und bewunderte den Witz der Seelsorgerin.

Neld wurde hellhörig. Sie witterte ein großes Geschäft und antwortete etwas freundlicher auf Hochdeutsch: „Da kann ich Ihnen möglicherweise helfen.“

„Deswegen rufe ich an.“ Der Professor stellte fest, dass er seine Laborbrille noch auf hatte. Er nahm sie ab und rieb sich die Stirn.

„Sagen sie’s doch jleich.“

„Seit ich klein bin, passieren mir diese … diese elendigen Fauxpas.“

„Entschuldigen ‚Se, ick kann keen Fremdsprachig.“ Neld massierte ihre Wade, die von der ungewohnten Sitzerei schon ganz hart geworden war. Eigentlich war Kundenannahme gar nicht ihre Aufgabe, aber ihre einzige Sekretärin hatte sich krank gemeldet.

„Achso. Ja, also diese dusseligen Fehler. Die haben nichts mit dem Alter zu tun.“

„Allet klar, wie viel wollnse denn?“ Neld wusste zwar nicht, wie sein Gesprochenes zu ihrer Dienstleistung passte, aber das war öfter mal der Fall. Besonders bei Kunden, die sich ganz sicher sein wollten, dass ihre Einkäufe diskret blieben.

„Ich möchte, dass das aufhört – dass endlich mal etwas klappt und nicht immer schiefgeht. Und ich will den Überblick über meine Sachen behalten! Das kann doch nicht sein, dass man als akademisch gebildeter Mensch diese einfachen Dinge nicht auf die Reihe bekommt! Ich weiß auch, dass das nicht das Schlimmste im Leben ist, aber es ist auf Dauer äußerst nervenaufreibend. Ich fühle mich als der größte Versager überhaupt.“ Strebelmann umfasste den Telefonhörer so verkrampft, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten.

„Typ zerstreuter Professor, wa. Dit kennt ma doch.“

„Immer wenn oberflächlich betrachtet alles gut war, kam der nächste Hammer! Ich sitze fast jeden Tag nur noch im Labor. Verspüre keine Lust auf meine Wohnung oder irgendwelche Treffen mit Menschen. Ich kenne auch gar keine mehr – bin total isoliert! Wenn ich denke, dass es mal bergauf geht, kommt noch ein weiterer Tiefschlag dazu.“ Der Professor holte kurz Luft.

„Da wird unser Kontaktmann helfen könn. Wo befindense sich eigentlich?“ Neld pustete Rauch in den leeren Raum und wagte einen kleinen Sprung nach vorn.

„Kontaktmann? Ordnet der dann mein Chaos hier?“ Strebelmann dachte kurz darüber nach, ob ihm das helfen könnte. Er wusste bisher nicht, dass die Telefonseelsorge auch einen Außendienst stellt.

„Der kann Ihnen Plastiktüten anordnen.“ Neld grinste in sich rein. Sie würde die harte Nuss schon knacken.

„Aber Plastik ist doch nicht nachhaltig!“ Strebelmann war entsetzt und stand vor einem Berg Kram, der sich in den Jahren im Nebenzimmer angesammelt hatte.

„Et jeht ja um den Inhalt, Herr Professor.“

„Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht genau, was in all den Tüten ist.“ Der Professor schaute auf die vielen gefüllten Beutel, die herumstanden. Teilweise Brauchbares, teilweise Müll. „Ich traue mich nicht, die Sachen wegzubringen oder jemandem zu überlassen, wer weiß, was dann wieder passiert.“

„Ach so schlimm is det nich …“

„Nein“, unterbrach sie Strebelmann, „es ist viel schlimmer!!“ Er seufzte und ließ sich auf seinen Bürostuhl fallen.

„Det kann jar nich sein …“

„Ich hatte nie psychische Probleme. Weder Depressionen noch Angst vor Vereinsamung – alles kein Problem bisher, aber wenn das so weiter geht, werde ich richtig wütend! Am Ende kriege ich noch Panikstörungen! Und werde Alkoholiker!“

„Nu machense mal halblang. Det könn auch Nebenwirkungen sein.“ Neld hatte schon öfter von derlei Persönlichkeitsveränderungen gehört, wenn sie jemandem Schnee liefern ließ.

„Aber ich nehme doch gar nichts!“ Strebelmann spürte, wie er etwas entspannter wurde, nachdem alles Angestaute aus ihm herausgeflossen war.

„Vielleicht hamses verjessen?“ Nelds Joint bewirkte, dass sie etwas weniger darauf erpicht war, etwas zu verkaufen. Dafür stieg ihr Mitleidslevel.

„So etwas kann man doch nicht vergessen. Aber! Warten Sie mal! Gasförmige Laborprodukte kämen in Frage – das könnte eine Idee sein!“

„Hm.“ Neld konnte nicht so richtig folgen. Sie kratzte sich an ihrer linken Brust, die immer von Dope zu jucken anfing. Ihr riesiger Ausschnitt war heute keineswegs schamhaft.

„Danke fürs Zuhören. Es hat mich wirklich gefreut. Ich möchte ihre wertvolle Zeit nicht weiter beanspruchen. Vielleicht wartet schon der nächste in der Leitung, der Hilfe benötigt.“

„Und wat is mit dem Kon– “ Neld kam nicht dazu, ihre Frage zu beenden. Strebelmann hatte bereits aufgelegt und das einzige Fenster weit geöffnet. Er nahm ein paar tiefe Züge und spürte die Lebensgeister zurückkehren. Danach prüfte er seine herumstehenden Tüten auf deren Inhalt. Sollte dieser seine Notwendigkeit getan haben, würde er ihn draußen in die Tonne entsorgen. Seine Zufriedenheit war spürbar. Er konnte die Telefonseelsorge wirklich weiterempfehlen.

Neld schaute ihren Telefonhörer noch lange an und inhalierte tief den Rauch ihres Joints. Irgendwie schaffte es ihr Gehirn nicht, herauszufinden, was das sollte. Obwohl die meisten paranoiden Anrufer in Rätseln sprachen, hatte sie so etwas noch nie erlebt. Dann zuckte sie mit den Achseln und legte den Hörer weg.

Die Welt war bereit für ihren Auftritt im Club.

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