Der detailreiche Garten des Harry Blom

Diese Kurzgeschichte nimmt an der fünften Clue Writing Challenge teil. Vorgegeben ist ein Setting (Garten) und fünf Clues, also Worte, die im Text vorkommen müssen (Trompete, Mischsalat, Wissen, Stein, Schreibtisch).

Der detailreiche Garten des Harry Blom

Harry Blom saß am Schreibtisch in seiner selbstgebauten Gartenhütte und starrte seit geraumer Zeit aus dem winzigen Fenster. Er konzentrierte sich. Erst auf die blühende Wiese, dann auf das Erdbeerbeet. Es fühlte sich an, als weiteten und verengten sich seine Pupillen in einem unnatürlichen Rhythmus. Ihm wurde von dem permanenten Wechsel ganz schwindelig.
Zuerst hatte Harry diese Entdeckung vorgestern beim Trompetenspiel gemacht. Als er das Instrument an die Lippen setzte, war alles normal, aber bevor er die Trompete in den dafür vorgesehenen Koffer legte, passierte es: Er sah jede noch so kleine Delle auf ihrer Oberfläche und Staubmilben tanzten einen merkwürdigen Reigen. Er rieb sich die Augen und dachte an Drogen. Aber er nahm keine. Der zweite Gedanke galt einem ausgedehnten Familienurlaub. Der schien dringend nötig zu sein. Vielleicht bei den großen Steinen, wie er Stonehenge – und manchmal auch die Engländer – nannte. Sein Gastwirt anno dazumal hatte jedenfalls ein Gemüt wie ein Stein. Das war eine schöne Zeit. So unbeschwert und leicht.
Harry riss sich zusammen. Eben dieser Moment stellte seine Realität dar. Es war Fakt, dass, wenn er sich ganz stark auf etwas konzentrierte, Harrys Augen länger in eine Art Macrozoom-Modus gingen.
Er sprang auf, trat aus der Tür und lief zum Vorgarten. Dort wucherten verschiedene Salatsorten, was unglaublich praktisch für den Mischsalat seiner hyperveganen Frau, aber auch für Harrys Anfänger-Tests war.
Seit er von dem Talent wusste, fühlte er sich wie der Auserwählte. Ein Held ohne Rüstung, aber mit Adleraugen. Das gefiel Harrys Ego.
Mechanisch zupfte er ein bisschen Unkraut. Später starrte er fünf Minuten auf den Feldsalat im hintersten Winkel. Er bestaunte die filigranen Blattadern und schüttelte den Kopf über zwei sich zankende Schnecken. Jede wollte dasselbe Blatt fressen, dabei gab es mindestens hundert identische. Eigentlich müsste er die Tiere absammeln. Aber für solch’ niedere Tätigkeiten braucht es keine Superhelden!
Harry schaute sein Grundstück hoch, in den weit entfernten Pflaumenbaum. Noch trug dieser winzige Früchte, die reifen mussten, aber bald wäre wieder die Zeit des Zwetschgenkuchens. Darauf freute sich Harry.
Seine Augen zeigten ihm eine völlig neue Welt. Was da alles für Käfer und Ameisen den Stamm hinauf- und hinunterkrochen!
Klitzekleine Würmer schienen in ihrer Startposition nur darauf zu warten, dass sich eine Pflaume lila färbte.
Nebenan, im Haus des Nachbarn, stand ein Fenster offen. Er musste sich schon weniger konzentrieren, stellte seine Augen fast automatisch auf Zoom. Da sah er neben vielen winzigen Tieren am Fensterrahmen die Brüste der jungen Ellen, die im Stakkato-Takt auf- und abwippten. Schnell blickte Harry nach unten. Das war nun wirklich etwas, dass er aus dieser Entfernung auch mit 130% Sehkraft nicht sehen können sollte. Jetzt machte ihm sein Talent Angst. Superheld hin oder her, was sollte man denn mit so einer Gabe anfangen? Außer Spannen …  Ihm fehlte jegliches Wissen über Zoom-Augen. Und das Internet hatte ihm gestern auch nicht helfen können. Solche Fälle gab es bei Google nicht. Er erinnerte sich genau an die Frage der Suchmaschine: Meinten Sie Augenerkrankungen? Nein, verdammt! Oder doch? Vielleicht war es etwas Heimtückisches, was ihn erst denken ließ, er wäre besonders und ihn dann langsam umbrachte?
Eine Biene schwirrte um ihn und setzte sich auf sein hellblaues Leinenhemd. An jedem einzelnen Haar klebten fette Pollen in verschiedenen Farben. Das sah interessant aus.
Harry seufzte. Eventuell musste er sich bei der Polizei bewerben. Adlerauge Harry im Einsatz. Er sah sich an einem festen Seil an einem Helikopter hängen und Drogendealer aufspüren. Von oben könnte er das weiße Pulver in den Straßen mühelos ausfindig machen. Eine gute Idee, fand Harry. Höhenluft inbegriffen. Da würde es ihm nicht mehr die Seele zuschnüren, ein neues Phänomen seit gestern. Selbst das Trompetespiel musste er deswegen unterbrechen.
Harry wurde schwächer. Diese Augenübungen waren anstrengend. So setzte er sich in die Wiese, wohlwissend, dass sein Hinterteil ein paar Tiere plattdrückte. Er betrachtete fasziniert ein Gänseblümchen, das ihm riesig erschien und sah winzige Wesen an Sauerampferstängeln hochkrabbeln. Was, wenn er mit allem einfach eins würde? In Zeitlupe legte er sich auf den Rücken. Ja, das tat gut. Harry durfte sich ausruhen. Kurz öffnete er nochmal die Augen, sah einzelne Wasserdampfformationen, die früher für ihn mal Wolken gewesen sein mussten, schloss seine Lider wieder und blieb liegen. Ob er nun immer alles bis ins kleinste Detail würde sehen können?
Ablenken … Er fühlte mit den Händen das Gras neben sich, fühlte ein paar Ameisen und er fühlte, wie sich Grashüpfer zu ihm gesellten. Schmetterlingsflügel streichelten seine Arme, Schneckenfühler stupsten das eingefallene Gesicht an. Eins mit der Natur. Harrys Energie floss in die Erde unter ihm. Die Tiere gaben ihm jedoch stetig neue – das war er also, der ewige Kreislauf des Lebens.
„Harry….“
Gedämpft hörte er seinen Namen, Harrys Körper reagierte aber nicht. Wie lange er schon da lag, wusste er auch nicht.
„Harry!“ Diesmal etwas lauter.
Er musste sich richtig zwingen, seine Augen zu öffnen.
„Harry!!“
Er drehte den Kopf etwas in die Rufrichtung und sah ganz weit hinten am Zaun zwischen den Latten einen großen gelben Pickel auf einer hochroten Nase. Das konnte nur der Vater von Ellen sein. Er litt seit Jahren an einer üblen Hautkrankheit, die Rötungen und Pusteln verursachte. Harry setzte sich langsam auf und putzte vorsichtig Käfer und Ameisen von seinem Hemd. Dann erhob er sich und tat dasselbe mit der Hose.
„Harry, geht es dir gut? Wir machen uns Sorgen um dich, du liegst jetzt schon zwei Stunden apathisch da.“
Langsam ging Harry auf den Gartenzaun zu.
„Weißt du, wir sind alle bestürzt über den plötzlichen Tod deiner Frau, aber du darfst nicht schlapp machen! Du hast Verantwortung als Vater. Soll ich dich ins Krankenhaus fahren?“
Vater? Aber das konnte nicht sein! Er war seit vorgestern Superheld. „Oh. Aber … wo?“
Die Sorgenfalten des Nachbarn wurde sichtbar tiefer. „Deine Tochter? Deine Mutter hat sie gestern abgeholt. Weißt du nicht mehr?“
Nein, Harry konnte sich nicht erinnern. Vor zwei Tagen hatte er nur sein neues Talent entdeckt. Er kratzte sich am Hinterkopf. „Und meine Frau ist tot, sagst du?“
„Das kann so nicht weitergehen, Harry.“ Der Nachbar zog ein Smartphone aus der Tasche und Harry sah alle Bakterien, die sich darauf tummelten. Unendlich viele. So viele, dass ihm ganz schwindelig wurde. Er musste sich an einer der Zaunlatten festhalten.
Wieso wollte der Nachbar jetzt telefonieren? Wie unhöflich, fand Harry.
„Hallo, hier ist Georg Fischer, ich brauche einen Krankenwagen“, hörte Harry den Nachbarn sagen. Er wunderte sich, weil Georg total gesund und munter auf ihn wirkte. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.
Als er wieder aufwachte und die Zimmerdecke fixierte, bemerkte er, dass sie völlig normal aussah. Nicht herangezoomt. Harry wusste nicht, ob er sich darüber freuen sollte. Es könnte ja auch nur eine vorübergehende Vortäuschung falscher Tatsachen sein. Das war durchaus möglich, überlegte er.
Neben ihm schnarchte jemand. Das wiederum erschien ihm unmöglich. Er richtete sich auf und sah gegenüber ein Krankenbett. Harry selbst befand sich auch in einem. Konnte das sein? Eben hatte er bei einem munteren Nachbarsplausch am Gartenzaun gestanden.
Bald darauf öffnete sich die Tür und ein Arzt betrat mit einer Kollegin den Raum. Beide hatten schiefe Namensschildchen am Kittel, die Harry nicht lesen konnte. Zielstrebig schritt der Mediziner an Harrys Bett. „Herr Blom, ich bin Dr. Kerner, das ist meine Kollegin, Dr. Luft. Wie fühlen Sie sich?“
„Gut! Was mache ich hier?“
Der Arzt warf seiner Kollegin einen gewissen Blick zu, wandte sich aber dann wieder an Harry. „Sie stehen unter Schock, Herr Blom. Daraus resultierend haben Sie ein Blackout. Wir werden Sie so lange hier behalten, bis sich ihr Zustand normalisiert hat. Und bis Sie sich an den Vorfall erinnern können.“
„Schock? Ich?“ Harry lachte laut, ein bisschen zu laut. „Wegen der Augensache, oder was?“
„Ihre Augen sind völlig okay. Haben Sie Halluzinationen? Die sind durchaus üblich bei Ihrer Diagnose.“
Ob das eine Fangfrage war? Harry rechtfertigte sich und verteidigte den Zustand seiner Augen. „Ich … würde es nicht als … Halluzination bezeichnen.“
„Sondern?“
„Eine Gabe. Ich sehe Dinge, die sonst keiner sieht. Das ist etwas Gutes!“
Dr. Luft notierte alles in eine Akte, während Dr. Kerner den Tropf neben Harry einstellte. „Ruhen Sie sich aus, Herr Blom. Später wird ein EEG gemacht.“
Wie unnötig, dachte Harry, bevor er wieder wegdämmerte.

2 Antworten auf „Der detailreiche Garten des Harry Blom“

  1. Der arme Harry … Ich würde nur zu gern wissen, was ihm noch alles zustößt! Daraus könntest du glatt mehr machen. Viel Erfolg bei der Clue Writing Challenge!

    XOXO

    Sissi

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