Der Schnitter kommt zweimal

Müde setzte er sich an den Küchentisch. Der Tag war wieder anstrengend gewesen, die Arbeit dröge und ermüdend. Eine kalte Tasse Kaffee stand auf dem Tisch. Noch vom Morgen. Versuchsweise nippte er daran und ließ die eklige Flüssigkeit sofort wieder in die Tasse rinnen. Kalten Kaffee würde er nie mögen können. Mit ächzenden Knochen erhob er sich wieder und schlurfte zur Maschine. Eine ganz neue Maschine war das, die hatte ihm jemand geschenkt.

Bei seiner Arbeit schenkte man ihm andauernd etwas. Manche aus Dankbarkeit, andere aus der Hoffnung, sie würden für ihre Geschenke ein Geschenk zurück erhalten. Glücklicherweise war eine Anleitung dabei gewesen, er hätte sonst niemals die Knöpfe in der richtigen Reihenfolge bedienen können. Er hatte schon auf viele Arten Kaffee zubereitet, aber mit so einer Maschine war es das erste Mal. Das Surren ertönte, ein Zeichen, dass die ersehnte Flüssigkeit auf dem Weg war. Er schaltete das Radio ein. Gerade kamen Nachrichten.

„… ein Unfall auf der A2. Der Fahrer eines LKW hat die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren und ist quer in ein Stauende gerutscht. Die Polizei spricht von mindestens 6 Toten und 20 Verletzten. Bergungsarbeiten dauern noch an.“

Er seufzte. Das würde wieder Überstunden bedeuten. Er nahm das aufgeschlagene Buch vom Küchentisch. Es war ein Thriller mit dem klangvollen Titel „Der Schnitter kommt zweimal“. Es war nicht der beste Thriller, den er je gelesen hatte, aber ganz unterhaltsam. Und konnte von Anfang an die Handlung nicht erraten. Das kam selten vor, er erkannte die Handlung vieler Bücher schon auf den ersten Seiten. Dann langweilten sie ihn und er legte sie beiseite. Aber nicht dieses Buch. Dieses Buch würde, wenn er mit dem Lesen fertig war, in sein schmales Regal kommen. In das Regal, in dem die guten Bücher standen. Er sammelte schon gute Bücher, seit er denken konnte.

Die Maschine piepte. Vorsichtig griff er nach der Tasse und ging mit ihr zum Tisch zurück. Die Tassen rutschten ihm gerne mal vom Finger, manchmal war er tollpatschig. Deswegen ging er vorsichtig. Diesmal blieb die Tasse ganz.

Er sah nach der Zeit. Seine Küchenuhr, eine alte Standuhr, die er auf einem teuren Flohmarkt erworben hatte, tickte im gleichmäßigen Takt vor sich hin und ignorierte die Welt eh wie je. Aber er konnte sie nicht ignorieren, die Zeit. Denn er musste gleich wieder arbeiten.

Manchmal verfluchte er seinen Beruf. Oder seine Berufung, musste er sich korrigieren. Er könnte keinen anderen Beruf ergreifen, er konnte nichts anderes. Hatte nie etwas anderes gelernt. Und er bezweifelte, dass man ihn einstellen würde. Vielleicht würde er nicht einmal ein Einstellungsgespräch bekommen.

Er wollte endlich mal wieder richtig ausschlafen. Wenn er sich richtig erinnerte, hatte er das vor Jahren zuletzt getan. Immer war etwas los in der Welt, immer musste er arbeiten. Gut bezahlt wurde er auch nicht. Der Kaffee schmeckte bitter.

Die Uhr tickte weiter in der Ecke. Langsam musste er los. Er würde gern einmal, nur einmal einfach sitzen bleiben und länger Pause machen, die müden Beine ausstrecken. Aber es ging nicht. Es ging nicht ohne ihn. Er stand auf.

Seine Finger fuhren den edlen Stoff seiner Uniform nach. Immerhin das hatte er, eine schöne Arbeitskleidung. Mit dünnen, bleichen Fingern streifte er sich den schwarzen Stoff über und zog die Kapuze tief über seinen blanken Schädel. Dann nahm er seine Sense aus der Wandhalterung.

Beim Verlassen seiner Wohnung musste er unwillkürlich grinsen.

„Der Schnitter kommt zweimal“

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