Frau Schulze ist schuld

Triggerwarnung:

Dies ist eine fatalistische Geschichte. Es geht um den unvermeidlichen Tod und die Grausamkeit des Lebens.

Frau Schulze ist schuld:

Paul saß im Personalraum des Seniorenheims in dem er arbeitete. Er war müde, körperlich erschöpft und frustriert. Denn auch Frau Schulze hatte es nicht geschafft. Damit waren nun auch die letzten Bewohner seiner Station dank des Coronavirus tot. Paul öffnete das Fenster und rauchte. Eigentlich hatte er aufgehört. Schon vor einem Jahr. Und eigentlich war es gerade in dieser Zeit dumm. Vor allem wenn man selber Virenträger war. Aber egal. Gerade war ihm danach. Und da Silke ihre Kippen im Personalraum zurückgelassen hatte, als die Station unter Quarantäne gestellt und sie negativ getestet wurde, …

Nachdenklich pustete er den Rauch in die dunkle Nacht. Schon komisch, dass Frau Schulze die erste gewesen war, die krank wurde, aber am längsten durchgehalten hatte. Doch schließlich hatte ihr Herz versagt. Das war bei Herrn Jokisch und Frau Flock auch so gewesen. Herr Brenn war starker Raucher und hatte auch ohne Corona schon schlimmen Husten. Mit dem Virus hustete er sich regelrecht zu Tode. Ein wichtiges Blutgefäß seines Kopfes platzte bei einem besonders heftigen Anfall. Und Ende. Bei Frau Hennes war es ein Lungenkollaps, und Frau Lin und ihre Schwester Bea erlagen beide einem Kreislaufkollaps, da ihre Körper mit ihrem ohnehin geschwächten Immunsystem nicht mit dem Virus fertig wurden.

Paul musste schwer schlucken, doch der Klos blieb ihm in der Kehle stecken. Sein Gesicht wurde feucht. Ein neuer Zug an seiner Zigarette ließ die Glut aufglimmen. Einen Atemzug später schwebte neuer Qualm in die Nacht hinaus. Einen Moment dachte er darüber nach, dem Rauch einfach zu folgen. So sinnlos wie ihm gerade alles vorkam, war das eine ernst zu nehmende Option.

„Ich würde alles darum geben, die Uhr zurück zu drehen“, brummte er mit brüchiger Stimme. Er hatte die Bewohner sehr gemocht und die Trauer, sie nicht retten zu können, wog schwer auf ihm…

Also wenn du das wirklich willst, kann ich dir helfen!
Die plötzliche Ansprache ließ Paul so heftig zusammenzucken, dass er fast aus dem Fenster gefallen wäre.

„Was? Wie!“, stieß er hervor und wich vom Fensterbrett zurück, auf dem er gerade eben noch mit einer Pobacke balancierte.

Du willst die Uhr zurückdrehen, hab ich gehört“, redete die Stimme weiter. „Da kann ich behilflich sein.

Paul schaute sich um, doch die Quelle der Stimme war nicht auszumachen. Wurde er jetzt Wahnsinnig?

Nein wirst du nicht. Und nun beruhige dich. Sag an. Willst du das wirklich was du sagtest?

Sich immer noch misstrauisch umschauend, beschloss Paul, dass es darauf nicht mehr ankam. Wenn er schon Stimmen hörte, konnte er sich auch unterhalten. Schließlich hatte er keine andere Gesellschaft.

„Ja?“, erwiderte er vorsichtig. „Wenn ich dadurch verhindern könnte, dass der Virus meine Station heimsucht und die Bewohner tötet? Klar!“

So sei es!“, erklärte die Stimme dröhnend. „Hindere Frau Schulze zu ihrer Kaffeerunde zu gehen, denn sie ist schuld.

Es knallte und dann war alles anders.
Plötzlich stand er wieder im Stationsflur, drei Wochen zuvor, und verabschiedete gerade lächelnd Frau Schulze, die sich fröhlich freuend zu ihren Freundinnen aufmachen wollte. Paul brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass er wirklich hier war, aber dann stürzte er der alten, doch immer noch recht flinken Dame nach. Es war nicht einfach, und Paul hatte einige Erklärungsnot, doch schaffte er es wirklich, die Bewohnerin zum Bleiben zu bewegen. Paul war froh. Und als am nächsten Tag die Kontaktsperre ausgerufen wurde und auch die letzten Geschäfte schlossen, regelrecht erleichtert. Der Tag, an dem Frau Schulze die ersten Symptome zeigte, verstrich, doch sie blieb gesund.

Paul war glücklich.

Für einen Tag.

Herr Jokisch war auch in der Quarantäne der erste Tote. Sein positiver Befund traf erst nach seinem Tod ein. Und auch dieses Mal war es sein Herz, das seine Arbeit verweigerte.

Wie Kann das sein?“ fragte Paul, als die Sanitäter den Toten wegtrugen. Silke legte ihm einen Arm um die Schulter.

„So ist das eben“, versuchte sie ihn zu trösten. „Er hatte ein schwaches Herz. Der Arzt meint, dass es ihn im Schlaf erwischt hat. Er hat vermutlich nichts davon gemerkt.“

„Ja“, erwiderte Paul erschüttert. „Ich weiß.“
Es dauerte drei Tage, bevor sich Paul damit abfinden konnte, dass er nicht alle gerettet hatte. Aber gerade als seine Zuversicht zurückkehrte, grassierte eine Durchfallerkrankung im Haus.

Frau Lin und ihre Schwester traf es auf seiner Station am schlimmsten. Sie hatten sich vermutlich im Gesangskreis angesteckt, da die meisten Erkrankten zu dieser Gruppe gehörten. Die Zwillinge starben trotz Infusionen und Medikamenten zwei Nächte später, kurz nacheinander. Als Herr Brenn eine Nacht später an seinem eigenen Schleim erstickte, wurde Paul ganz still.

Zwei Tage später starb Frau Flock. Sie hatte sich so sehr über eine Fernsehshow aufgeregt, dass sie einen Herzinfarkt erlitt. Mehrmals wurde sie reanimiert, doch als der Rettungswagen endlich im Krankenhaus eintraf, konnte nur noch ihr Tod festgestellt werden.

Dass Frau Hennes mit Frau Flock und den Lin-Zwillingen befreundet gewesen war, wusste er. Dass sie aber auch eine Liebesbeziehung mit Herr Jokisch hatte, erfuhr Paul erst aus ihrem Abschiedsbrief, den sie zurückließ, als sie sich mit den Herzmedikamenten ihres Liebhabers das Leben nahm.

Nur Frau Schulze hielt durch. Und als die Kontaktsperre wider gelockert wurde, war seine Station wie durch ein Wunder von dem Virus verschont geblieben. Wirklich freuen konnte sich Paul darüber nicht.

Er hatte gerade Feierabend von der Frühschicht, als er Frau Schulz zu ihrem Auto trippeln sah. Sie winkte ihm zu und er grüßte freundlich zurück, bevor er sich umdrehte, um sein Fahrrad zu befreien.

Da ihm immer wieder seine Räder geklaut wurden, hatte er zusätzlich zu dem normalen Schloss des Fahrrads auch die Räder an den Rahmen gekettet. Er war so sehr damit beschäftigt, dass er nicht merkte, wie Frau Schulz sich verkrampfte, als sie einen Herzinfarkt hatte und ihr Fuß auf das Gaspedal rutschte. Das Automatikgetriebe knirschte, als der Motor aufheulte und der Wagen sich ruckartig in Bewegung setzte. Die Fahrt war kurz und endete abrupt, als der Wagen Paul erst in sein Fahrrad und beide dann in die Wand des Seniorenzentrums rammte…

***

„Was ein Drama“, sagte der eine Sanitäter zum anderen, während sie Paul in einen Leichensack packten.

„Meinst du, er ist einfach gestürzt, als er eine Rauchen wollte?“

„Was weiß n ich?“, erwiderte der andere gelassen. „Wenn´s deswegen war, geschieht´s ihm ganz recht. Rauchen is hier überall verboten. Is er also selber schuld, dass er draufgegangen is. Wenigstens hat ihn das Virus nich geholt. Der Depp war ja auch Krank.“

„Sicher?“

„Klaro. Der Kerl ist aus der Seuchenstation gefallen. Das hat mir Schwester Silke gesagt.

„Ah!“, sagte der andere und holte die Papiere hervor, die zu der Leiche gehörten. Kurz suchte er die richtige Stelle im Datenblatt und machte ein Kreuz bei positiv getestet.

Nun galten besondere Sicherheitsauflagen für den Toten. Sicher war sicher. Und die Welt hatte einen weiteren Coronatoten für ihre Statistik.

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