Game Over

Passend zum letzten Tag des Jahres habe ich mir ein paar Gedanken gemacht. Zum Beispiel, was 2017 so mit mir und meinen Storys passiert ist, das ist schon durchaus eine Sensation!
Denn ich war nicht nur durch einen klitzekleinen Input auf Twitter eine der Mitbegründerinnen des Nornennetzes, nein, ich bekam auch noch weit mehr Kurzgeschichten in Anthologien unter als ich je zu träumen wagte.
Ein ganz besonderes Geschenk zu alledem war diese Website, erschaffen von meinem Autorenkollegen, dem Uralten Drachen. Vielen Dank dafür!
Die Überraschung des Jahres war der Weihnachtsmann mit seinem Papyrus-Autorensoftware-Weihnachtsgeschenk. Nachdem ich tagelang überlegte, was ich mich wünschen könnte, las ich auf Twitter bei einer tollen  Nornenkollegin, dass sie Papyrus bekommen hätte. Den Rest der Geschichte könnt ihr euch denken 🙂

Daneben gab es auch Gedanken über Sackgassen und meine Unfähigkeit, mich mit Berlin zu arrangieren. Leider wird das verstärkt 2018 einen Raum einnehmen, denn ich spüre mehr und mehr, dass ich in diese Stadt- leider – nicht hingehöre.
Natürlich liebe ich die unzähligen Cafés, die Museen, das Entertainment! Ja, ich mag es, mit anderen 10 Uhr morgens im Kino zu sitzen und mich zu fragen, ob die Leute alle nix zu tun haben 😀 Gerade heute (ja, heute!) war so ein Fall … (Loving Vincent)
Und doch habe ich es nicht geschafft, in den fast zwei Jahren, auch nur eine richtige Freundschaft zu jemand Gleichaltrigem aufzubauen, geschweige denn zu wissen, was ich hier überhaupt mit meinem Leben anstellen will.
Vielleicht arbeite ich zu viel, ja.
Vielleicht habe ich noch nicht die richtigen Leute getroffen, auch richtig.
Aber mal ehrlich, wie lange soll ich denn noch warten?
Mein Eindruck ist, dass man  in Berlin alles sein darf, vor allem deshalb, weil man größtenteils ignoriert wird.
Die Berliner mögen mir widersprechen, aber ich glaube, es ist anders, wenn man a) hier geboren ist b) nicht alleine herkommt, sondern vielleicht mit Partner/der Familie oder so und c) den Puls der Stadt in sich aufnehmen kann (ich denke da  besonders an das Rauschen der Autokolonnen, nicht nur zur Rush Hour und dieses ewige Martinshorn-Gedudel, manchmal mehr als zwölf Mal am Tag).
Ich weiß nicht, wo mein Weg hinführen wird, aber eins ist klar, Online Games sind wohl keine adäquate Lösung. 😛
In diesem Sinne:
HAPPY NEW YEAR!
Lasst euch nicht ärgern, speziell heute beböllern oder sonst wie kleinkriegen.
Wir rocken 2018 – zusammen! <3

[Zusätzliches Schmankerl: Wer alle Gaming-Begriffe herausfindet, kriegt von mir ein Eis spendiert. Natürlich bei mir vor Ort … wo auch immer das sein mag … Also strengt euch an!]

Game Over

Luke machte sich ohne Jacke auf den Weg. Der Schnee knirschte unter seinen Füßen, als er von der Wohneinheit nach draußen trat. Lässig ließ er die ID-Card an einem langen Band aus der Jeanstasche hängen. Sie pendelte bei jedem Schritt an seinen Oberschenkel, doch Luke bemerkte dies nicht. Heute würde er es schaffen! Schließlich war er kein Noob mehr.

Als er näher an den zugefrorenen See in der Grünanlage, kam, sah er die üblichen Aggro-Witz-Figuren schon von Weitem. Lenard, Julius und die eingebildete Kati. Alle stänkern nur rum, dabei sollten sie es erst mal selbst besser machen.

Lenard schrie ihm als erster entgegen: „Schaut mal, wer da ist, unser Lukilein. Ob er es wohl diesmal schafft?“
Wohl schafft

wohl schafft

schafft

schafft

Trotzdem gab er sich betont lässig, zuckte nur kurz mit den Schultern. Was sollte schon schief gehen? Schließlich hatte er eine Menge Zeit und Bitcoins investiert.

Kati stellte sich in seinen Weg. „Du weißt, was passiert, wenn du es vermasselst!“
Es vermasselst

masselst

masselst.

Oh, und wie er das wusste! Bis zum nächsten Versuch würde er ein volles Jahr warten müssen und wieder Geld bezahlen, damit ihm kein anderer zuvorkam. Das durfte auf gar keinen Fall passieren! Außerdem wollte er ihr beweisen, dass er kein Noob war.

Luke drehte sich um und schaute Julius an. Würde er auch noch etwas Unrat bei ihm ablassen? Noch ein Schritt näher und Luke würde mit ihm zusammenstoßen.
Doch der verzog seinen Mund nur zu einer undeutbaren Miene.

War Julius etwa ein Cheater geworden? Luke fand dies fast schon amüsant, natürlich nur auf einem höchst ironischen Level.

Währenddessen trafen mehr und mehr Leute ein und sammelten sich vor einem riesigen Screen. Eine gruselige Masse an Individuen, bei der Luke nie wusste, ob sie es gut oder schlecht mit ihm meinten. Alias: Die Crowd.

Luke buffte sich mit ein paar Spikes, die es neben dem See über ID-Card auszuleihen gab und betrat die spiegelglatte Fläche. An manchen Stellen im Eis waren Feuerwerkskörper installiert. In wenigen Minuten erwartete die Crowd von ihm, dass er die passenden Raketen im richtigen Moment anzündete. Er versuchte es seit zehn Jahren. Doch stets failte Luke.

Zumindest, wenn es darauf ankam.

Der God-Mode wäre hier sehr hilfreich, denn die Beta-Test-Software war einfach für den Eimer. Total verbuggt. Dabei hatten sich die Entwickler echt Mühe gegeben, veranstalteten ein fulminantes Spektakel.
Zuerst würde der Bürgermeister labern, dann das Orchester den ersten Akt spielen, dazu erschien Feuerwerk auf dem Screen. Im zweiten Akt dann war Luke dran. Sobald der Gemeindevorsteher das erste Wort gesagt hatte, gab es kein Zurück mehr. Wo war eigentlich sein Feuerzeug?

Julius! Hastig drehte er sich um. Da stand er am Ufer und hielt grinsend das gesuchte Teil in die Höhe. „Du mieser kleiner Mob! Das hier ist kein Jump_n_Run!“, schrie Luke und rannte auf Julius zu.
Einer in der Crowd hielt ihm eine gecastete Pistole hin. Luke schnappte sie sich. „Na warte!“ Er gab einen Warnschuss in die Luft. Ein paar anwesende Damen schrien unkultiviert aber berechtigt.

Okay, okay, Mann, beruhige dich doch, hier ist es!“ Julius droppte das Feuerzeug und gab ihm einen Schubs, sodass es von ihm über das Eis bis zu Luke schlitterte.

Dieser stoppte es mit dem Fuß.

Das Game ist noch nicht vorbei“, murmelte Luke und ließ die Waffe verschwinden.

Dann hörte er auch schon den Bürgermeister seine Ansprache beginnen. Der hätte aber durchaus warten können, bis Luke wieder bei den Raketen war. Ab jetzt hieß es höchste Konzentration!

Erster Akt – Geige mit abgestuften blauem Feuerregen, Harfe mit grünen Sternen, Trommelklänge in rot, Klavier bedeutete Goldregen anzünden, Bass Silberregen. Soweit, so gut. Doch als der zweite Akt begonnen hatte, spielten sie nicht mehr einzeln, sondern durcheinander, manche doppelt mit anderen, wieder neue setzten später ein als erwartet und die Musik verklumpte in Lukes Ohren zu einem wahren Kauderwelsch.

Wie ein Irrer ließ er die verschiedenen Feuerwerkskörper hochgehen, in der Hoffnung, wenigstens die Hälfte zur rechen Zeit zu treffen. Früher hätten ihn seine Kumpels ausgelacht, wenn er Button-Mashing betrieb.

Immer, wenn er Kati, Julius oder Lenard lachen hörte, wusste er, dass er einen Fehler gemacht hatte. Am Anfang lachten sie selten, doch dann öfter.

Die Crowd schrie permanent „Oh“, „Ach“ und „Jaaaa“, doch er hörte das Gelächter der Aggros durch Hunderte Leute hindurch. Es nervte ihn.

Als er alle Raketen verpulvert hatte, hockte er sich frustriert aufs Eis. Wer erfand nur so einen Blödsinn? Er wusste, was jetzt kam.

Auch dieses Jahr las er: Game Over in aufdringlichen Lettern auf dem Screen am See.

Luke nahm die Virtual Reality Brille ab, löste die Kontroller von seinen Füßen und blickte in sein leeres Wohnzimmer. Einzig das Bild seiner vor fünf Jahren verstorbenen Freundin hing an der kalkweißen Wand gegenüber. Wenn sie doch da wäre…

Schnell verdrängte er den Gedanken wieder. Wieso war es ihm verdammt noch mal nicht möglich, dieses Jahresendfeuerwerk in Virtual Village hinzubekommen? Er hatte über die Jahre alles Mögliche probiert. Sogar Abfolgen anhand des Stückes, was das Orchester spielte, errechnet. Trotzdem vermasselte er es. Immer wieder.

Betrübt stellte er fest, dass er wegen des Games schon wieder den ganzen Tag nichts gegessen hatte. Auf dem Weg zum Kühlschrank hörte er vertraute Geräusche. Ein Knallen und Krachen, dabei wurde die Wohnung regelmäßig rot oder grün erhellt. Luke entnahm dem Kühlschrank das letzte Glas saure Gurken und ging auf den Balkon. Dort schraubte er den Deckel auf.

Happy New Year Kati!, dachte er und weinte.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.