Heilige Nacht

Diese Geschichte beschäftigt sich mit der Frage, was wohl geschehen würde, wenn sich das, was viele Menschen seit vielen Jahrhunderten am 24 Dezember feiern, heutzutage nochmals ereignen würde. Viel Spaß und eine gesegnete

Heilige Nacht

Über dem mehrstöckigen Containerbau kreiste dröhnend ein Helikopter, auf dessen Metallhülle groß das Logo des Senders prangte, für den die Crew und die Reporterteams im Bauch ihres Fluggeräts arbeiteten. Während der Pilot konzentriert damit beschäftigt war, Kollisionen mit den beiden anderen Hubschraubern und den gut drei Dutzend Kameradrohnen zu verhindern, beugte sich ein Tontechniker zu einer attraktiven Frau vor.

„Weißt du schon, was das eigentlich alles soll“?, brüllte er Susanne die Frage, die wohl alle hier beschäftigte, über den Lärm der Rotoren zu.

„Keine Ahnung!“, schrie sie zurück. „Aber das da ist einfach nicht normal!“

Mit diesen Worten deutete die gestandene Reporterin aus dem Fenster des Helikopters in Richtung eines leuchtenden Sterns, der  klar am Himmel zu erkennen war und die anderen Sterne in seiner Umgebung spielend überstrahlte. Fast als nutze das Gestirn einen Spotscheinwerfer, wie sie in ihrem Geschäft gang und gäbe waren, schien sich das diffuse Licht des Himmelskörpers genau auf das Gebäude darunter zu konzentrieren.

„Wir wissen bald mehr, wenn wir abgesetzt werden!“, brüllte sie weiter. „Ich glaube, das ist eine ganz große Story!“

Der Techniker nickte und schwieg. Es war einfach viel zu laut, um sich weiter zu unterhalten.

Susanne starrte aus dem Fenster, um weitere Eindrücke zu sammeln, während der Hubschrauber auf seine Landeposition zusteuerte.

Der Containerbau, – eigentlich ein Provisorium, das trotz dieses Umstandes nun schon viele Jahre im Einsatz war, wie man an dem heruntergekommenen Zustand gut erkennen konnte, – wurde von einem Belagerungsring Schaulustiger umgeben.

Ihre Crew war bei weitem nicht das erste Reporterteam vor Ort, wie sie etwas genervt bemerkte.

Die in der vom Sperrgürtel der Polizei abgehaltenen Menschenmasse herausragenden Mikrofonstangen und die auf das Gebäude gerichteten Kameras zeigten deutlich, dass die Konkurrenz schon eingetroffen war. Dazu die Lichtblitze verschiedenster Kameras und Handys. Ein ihr vertrauteres Szenario, das durch den Sternenschein jedoch befremdlich surreal auf sie wirkte.

Irritierend waren zudem die zahlreichen Schafe, die überall im Gelände frei herumliefen. Sogar einige Kühe, Ziegen und einen Esel erkannte sie durch ihr Fenster während des Anflugs.

Der Helikopter verscheuchte einige der Tiere und setzte dann hart auf. Die Anwesenden in seinem Bauch wurden kräftig durchgeschüttelt, bevor sich die Schiebeluken öffneten und das Fernsehteam endlich freigaben.

„Okay, Susannes Team steigt  aus“, hörte sie den Sendeleiter über ihren Ohrhörer. „Sucht euch eine gute Position und macht erstmal einen Einspieler. Vom zweiten Team will ich Luftaufnahmen haben.“

„Weiß man schon, wo das ganze Viehzeug herkommt?“, erkundigte sich Susanne bei ihrem Chef

Dieser verneinte.

„Offensichtlich sind sie aus einem Gnadenhof ausgebüxt“, erklärte er über Funk. „Und jetzt raus. Wir brauchen Bilder und Fakten! Los!“

Mit ihrem Kameramann Jürgen arbeitete Susanne schon lange zusammen. Sie waren eingespielt und brauchten nicht viele Worte, um sich abzustimmen. Auch der Techniker vom Sender, der sie begleitete, war Profi genug, um seine Arbeit ohne größeres Trara umzusetzen. Sie suchte sich eine Stelle, wo die Menschenmenge, das Gebäude und auch die Drohnen in der Luft über ihr gut zu erkennen waren, und wartete dann, bis sie von Jürgen das Zeichen bekam, dass er ebenfalls bereit war. Sie nickte, hob ihr Mikro an und begann.

„Guten Abend, meine Damen und Herren. Wir stehen hier am Rande des Ortes Klein-Jerusalem, wo sich heute Nacht Ungewöhnliches zuzutragen scheint. Wie sie vielleicht schon  bemerkt haben, zeigt sich der nächtliche Himmel  über Deutschland heute  eine besonderes Sternenphänomen, das so laut Experten wenigstens seit 2000 Jahren nicht stattgefunden hat.“

Hier machte sie eine kurze Pause und deutete  in die Luft auf den strahlenden Stern.

„Wie sie hier selber sehen, ist das Phänomen, was von Astrologen schon seit einiger Zeit beobachtet wird, und über das unser Sender bereits berichtete, heute besonders aktiv und scheint genau auf dieses Gebäude  ausgerichtet zu sein. Warum ein Stern sein Licht so konzentriert auf diese Unterkunft für Asylbewerber wirft, ist noch nicht bekannt. Die Polizei hat das Gelände des Wohnheims vorsorglich abgeriegelt und ist gerade dabei, die Bewohner zu evakuieren.“

Damit machte sie eine kaum wahrnehmbare Geste, die Jürgen anwies, ihre Umgebung abzuschwenken. Sie redete unterdessen weiter.

„Erstaunlich sind auch die zahlreichen Tiere, die sich in der Nähe aufhalten und wohl aus einem örtlichen Streichelzoo entkommen sind.“ Wieder machte Susanne eine kurze Pause. Dann beendete sie den Einspieler mit ein paar Fragen, die ihre Zuschauer bei der Stange halten sollten, bis sie mehr wusste. „Ist dieses Himmelslicht natürlichen Ursprungs oder werden wir Zeuge des Erstkontaktes mit einer außerirdischen Spezies? Und was ist mit den Tieren? Werden sie vielleicht von dem Licht des Sterns angezogen? Bleiben sie dran, wenn sie mehr wissen wollen. Wir informieren sie zuerst.“

„Jewagt, aber jut“, sagte Jürgen und beendete die Aufnahme. „Jetz müss ma nur noch rin da.“

„Lass mich mal machen“, erwiderte sie und grinste. „Ich hab da gerade jemand gesehen, der uns nützlich sein könnte.“

Jürgen nickte knapp, während der Techniker auf seinen Laptop einhackte, um ihre Aufnahme per Satellit zu ihrer Sendestation weiterzuleiten.

Sie selber ging zu einem der zahlreichen Polizeifahrzeuge hinüber, wo sie einen alten Bekannten gesehen hatte, der ihr noch etwas schuldig war und, wie es aussah, hier praktischerweise eine Leitungsfunktion innehatte.

Keine Viertelstunde später wurde sie mit ihrem Team durch die Absperrung gelassen und konnte ungehindert das Gebäude betreten.

„Mädel, wie du dat nu wieder jemacht hast“, wunderte sich Jürgen und grinste.

„Ich hab halt meine Beziehungen“, gab sie ebenfalls lächelnd zurück.

„Du bist echt immer für ’ne Überraschung jut“, lobte Jürgen und konzentrierte sich dann auf seine Arbeit.

Susanne wusste, dass er die gleiche diebische Schadenfreude empfand wie sie, würden sie doch vor allen anderen Konkurrenten Bilder senden können, die zeigten, was im Inneren des  Containerbaus geschah.

Während Jürgen filmte, wie Polizisten die Bewohner evakuierten, führte der Beamte, der ihr von ihrem befreundeten Oberkommissar zugewiesenen worden war, in die zweite Etage des Gebäudes. Das Innere war nicht minder schäbig als der äußere Eindruck.

Es roch muffig und nach zu vielen Menschen mit zu wenig Privatsphäre. Der Flur war dreckig und wurde mehr schlecht als recht von den noch vereinzelt funktionierenden Deckenlampen beleuchtet. Doch eine Türe stand ein bisschen offen. Dahinter schien es strahlend hell zu sein. Dort diskutierten gerade zwei Polizeibeamten mit einem dunkelhaarigen, bärtigen Mann.

„Das Gebäude wird evakuiert. Sie müssen mit uns kommen“, sagte der eine Polizist gerade.

„Nicht ohne Frau“, erwiderte der Mann mit einem starken Akzent.

„Nun machen Sie mal kein Theater“, sagte der andere Beamte. „Wir sollen alle Personen aus diesem Gebäude schaffen.“

Susanne gab ihrer Crew ein Zeichen und die Kameralampe richtete sich auf die drei Männer, die nun auf sie aufmerksam wurden.

„Was soll das?“, fragte der erste Polizist barsch in ihre Richtung.

„Das ist in Ordnung. Sie haben die Erlaubnis vom Chef“, sagte der Ordnungshüter, der sie begleitete.

Einen Augenblick lang schien es Susanne, als wollte der andere Mann widersprechen. Doch dann zuckte er mit den Schultern.

„Na von mir aus. Ist ja nicht mein Kopf, der rollen wird, wenn’s schief läuft.“

Susanne nutzte die Gunst der Stunde und sprach den Bärtigen an.

„Guten Tag“, sagte sie im Bewusstsein, dass die Kamera auf sie beide gerichtet war. „Ist das Ihre Wohnung?“ Damit deutete sie auf die offen stehende Tür, vor der sie sich alle versammelt hatten.

Der Mann starrte sie einen Augenblick einfach nur an. Offensichtlich war er mit der ganzen Situation völlig überfordert. Dann aber nickte er zögernd.

„Würden Sie mir bitte erzählen, wer Sie sind?“, fragte sie in professionellem Ton.

„Mein Name Josef. Ich und Frau Syrien.“

„Sie und Ihre Frau stammen also aus Syrien? Können Sie sich erklären, warum dieser Stern genau in ihre Wohnung strahlt?“

Josef stierte sie wieder an, als müsse er erst überlegen, was sie gesagt hatte. Dann zuckte er mit seinen Schultern.

„Ich Tischler“, sagte er fast entschuldigend. „Ich wissen, Frau schwanger. Baby kommt. Das alles.“

Susanne spinkste an den drei Männern vorbei, die immer noch den Eingang zum Zimmer blockierten, und sah in den spartanisch und unpersönlich eingerichteten Raum, wo gerade tatsächlich ein Notarzt dabei war, einer Frau bei ihrer Geburt zu helfen. Der Strahl des Sterns leuchtete genau auf dieses Szenario, fast als wolle er ebenfalls Geburtshilfe leisten. Susanne spürte ein Kribbeln, das ihren ganzen Körper erfasste. Unauffällig winkte sie Jürgen näher heran. Der Kameramann verstand und stellte sich so, dass er nun auch das Geschehen innerhalb des Raumes mitaufnehmen konnte.

„Herzlichen Glückwunsch“, entgegnete sie Joseph eher reflexartig als ernst gemeint. „Ihr erstes?“

„Nein.“

„Aha. Dann wurden Ihre anderen Kinder schon evakuiert?“

„Nein.“

„Oh“, Susannes Herz bekam einen Stich. „Der Krieg?“

„Nein“, wiederholte der Mann tonlos. „Nix Kinder.“

Nun stutzte sie. Offensichtlich gab es hier ein Kommunikationsproblem.

„Baby nicht meins“, erklärte der Mann unsicher. „Nix Kinder.“

War sie hier etwa in ein Ehedrama getapst?

„Oh“, sagte sie wieder und ärgerte sich über ihre ungewohnte Wortleere im Kopf. „Also ist Ihre Frau von einem anderen Mann …“

„Nix anderer Mann“, sagte Joseph nun ernst. „Baby einfach da.“

Susanne seufzte. Offenbar verschloss er seine Augen vor der Untreue seiner Frau, dachte sie gerade, als ihre Gedanken durch den ersten Schrei neuen Lebens unterbrochen wurden.

Angezogen vom Babygebrüll sah sie den Säugling an. Der Anblick des von der Geburt noch schmierigen Neugeborenen ließ ihre Knie ganz weich werden. Im Licht des Sterns hatte der Anblick des Kindes etwas Magisches und tief Bewegendes. Plötzlich glaubte sie Josephs Worten. Er war nicht der Vater des Kindes. Nein. Und auch sonst würde kein Mann diese Position für sich beanspruchen können. Dieses Kind war etwas ganz Besonderes, das spürte sie.

„Ihre Frau … sie heißt nicht zufällig Maria?“, fragte Susanne mit ungewohnt brüchiger Stimme.

Der Mann nickte, aber auch ohne seine Bestätigung erkannte sie die Wahrheit. Dazu musste sie nur den Knaben ansehen, der in den Armen seiner Mutter lag, umrahmt vom Licht des Weihnachtssterns.

Das Versprechen auf Erlösung und Vergebung, die alle Menschen durch dieses Kind erfahren würden, ließ sie schlucken. Sie wusste nicht, woher ihre Sicherheit kam, doch das war ihr gerade auch völlig egal. Vielleicht verlor sie den Verstand. Vielleicht war sie auch einfach nur gesegnet. Doch sie meinte, Engel singen zu hören im Angesicht des Knaben, und weinte vor Glück.

„Sehet und seid Zeugen der Geburtsstunde des Heillands“, flüsterte sie ergriffen und mit glühenden Wangen in ihr Mikrophon. „Des Erretters der Menschheit und Gottes Sohnes.“

Ihre Worte klangen nach, während alle feierlich um Mutter und Kind standen und schwiegen. Doch da zerriss eine Stimme die feierliche Stille.

„Was wird das hier eigentlich?“, kam eine Frage, die ebenso ein Peitschenknall gewesen sein konnte. „Müller, hatten sie nicht den Befehl, das Gebäude zu räumen?“

„Ja“, entgegnete der Angesprochene knapp. „Aber der Notarzt meinte, dass die Wehen der Patientin zu schnell kämen, um sie transp…“

„Für mich sieht es so aus, als wären die Wehen Geschichte“, fuhr der Vorgesetzte dem Beamten ins Wort. „Und die restlichen Anwesenden sehen mir ebenfalls nicht gerade Schwanger aus. Also los, Mann, führen Sie endlich Ihren Befehl durch. Weiß doch keiner, was diese Sternenstrahlung anrichten kann.“

„Jawohl!“, erklang es nun aus zwei Polizistenkehlen. Wie aus einer Starre fallend, begannen sie nun erneut die Anwesenden aufzufordern, das Gebäude zu verlassen.

„Hast du auch alles im Kasten?“, flüsterte Susanne Jürgen verschwörerisch zu. Als dieser nickte, war sie die Erste, die klein beigab und zum Ausgang schritt. Das Filmmaterial war Gold wert. Sie würde berühmt werden, hatte sie doch die Wiederkehr des Heilands auf Band.

Der Arzt gab  sein okay und so verließen auch Maria und Joseph mit ihrem Neugeborenen das Heim in Begleitung der Polizisten. Und auch der Stern erlosch und schien von jetzt auf gleich wie jeder seiner Nachbarn. Fast weniger sogar, als müsse er sich erst von den Strapazen erholen.

Susanne aber konnte es nicht abwarten und ließ Bilder und Tonaufnahmen von ihrem Techniker weiterleiten, so schnell es die Datenübertragungsgeschwindigkeit des Laptops nur zuließ.

Dann hieß es warten. Doch Susanne war sicher, dass ihr Handy schon bald klingeln würde und ihr Chefredakteur ihr verbal um den Hals fiele. Und wirklich. Keine zehn Minuten später klimperte ein Pop-Hit aus ihrer Jacke.

„Hi“, meldete sich Susanne. Ihr gegenüber schien auf ein Hi zu verzichten.

„Susanne“, sagte ihr Chefredakteur. „Ich weiß nicht, was heute Abend mit dir los war, aber nimm dir doch ein paar Tage Urlaub und erhol dich etwas. Du bist offenbar überarbeitet.“

Susanne war baff. Urlaub? Sie? JETZT? Wieso?

„Hast du dir das Video nicht angesehen?“, platzte es endlich aus ihr heraus.

„Doch“, erklang die knappe Antwort.

„Und?“, bohrte sie nach.

„Und deshalb schlage ich dir vor, auszuspannen.“

„Aber das muss doch auf Sendung und ich bin vor Ort und kann noch ein paar Interviews machen und …“

„Susanne. Nein. Ihr seid da fertig. Ich weiß ja nicht, was in dir vorgegangen ist… Aber eine durchgedrehte Reporterin mit Wahnvorstellungen kann ich nicht auf die Leute loslassen.“

„Wahnvor… Was?“

„Anders kann ich mir nicht erklären, was du da von dir gegeben hast. Spann aus. Und im nächsten Jahr reden wir nochmal drüber.“

„Aber …“

Ihr Chef hatte schon aufgelegt und ließ eine verstörte Reporterin zurück.

„Mädel“, sagte Jürgen tröstend. „Kopp hoch. Du und ich ham gesehn, was ma gesehn ham. Ist doch wurscht, wenn der et nich globt. Lassen ma es uns ’n paar Tage jut jehen.“

„Du hast mitgehöhrt?“

„Wa ja laut jenuch.“ Noch während er sprach, zog er seine Kollegin von den Polizisten weg.

„Warte mal, was ist mit der syrischen Familie?“ unschlüssig drehte sich Susanne um. Wortfetzen drangen an ihr Ohr. „wenn das Baby flugfähig … zurück nach Syrien…“

Jürgen schaute schuldbewusst zog sie jedoch weiter.

„Urlaub is doch nich verkehrt, Mädel. Könn ma beide jut vertragen.“

„Ja …“, hauchte sie schwach und völlig durcheinander. „Urlaub …“

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