Jährlich feiert die Großmutter

Ich möchte meinen Einzug Offiziell machen.

5 Schlagworte: Hals, Plastikauto, Niederlassung, Perle, Hundefutter.  Ort: griechisches Restaurant .

Ich bin sehr aufgeregt und hoffe, dass Euch die Geschichte gefällt. Viel Spaß beim Lesen.

Jährlich feiert die Großmutter

Wieder einmal war es so weit das Familientreffen stand vor der Tür. Die Großmutter hatte Geburtstag und wie jedes Jahr, flatterte eine Einladung für das griechische Restaurant Nektar und Ambrosia in meinen Briefkasten. Lieber wäre ich zu Hause geblieben. Jedoch hätte ich es nicht ansatzweise gewagt mich abzumelden. Entschuldigt war man bei unseren Familienfeiern nur dann, wenn man sich auf dem Weg ins Jenseits befand. Also machte ich mich einen Tag später schick und stand zehn Minuten eher als vereinbart vor dem Restaurant.

 

Mein Vater fuhr mit seinem neuen Opel Astra vor. Er war sehr stolz als er das Geld für den Wagen zusammen hatte. Darum hatte es auch so komische Plastikbezüge die auf den Sitzen mehr als nur verboten aussahen. Doch ich freute mich trotzdem für ihn. Konnte mir allerdings ein Lächeln nicht verkneifen. Meine Mutter stieg aus und noch bevor ich sie begrüßen konnte, mäkelte sie an meinem Kleid herum und ob ich nicht einen Hosenanzug hätte anziehen können. „Ich dachte, es wäre passend“ antwortete ich. Sie überhörte mich und half meiner Oma aus dem Auto. Ich begrüßte sie und gratulierte ihr zum Geburtstag. „Ach Kind, frierst du nicht? Du hättest dir eine Wollstrumpfhose anziehen sollen, nicht dass du eine Blasenentzündung bekommst. Meine Nachbarin, die Frau Krösen, ist fast an einer gestorben, aber sie läuft ja auch immer herum wie diese jungen Dinger, die noch zur Schule gehen…“ Schnell stellte ich meine Ohren auf Durchzug. Meine Oma hakte sich derweil ein und ich ging mit ihr ins Restaurant.

Wir betraten das Gasthaus und wie immer kam mir ein Geruch von abgestandenem Wein und kaltem Rauch entgegen. Dies war mit ein Grund warum meine Großmutter wieder hier ihren Geburtstag feierte. Sie wollte sich nie etwas verbieten lassen und schon gar nicht das Rauchen. Im Nektar und Ambrosia verzichtete man seit Jahren darauf, die Kundschaft von einem Rauchverbot in Kenntnis zu setzen. Warum auch, die Stammkunden kamen bestimmt nicht für das gute Essen hier her.

 

„Kalispera Frau Jager, ist denn schon wieder ein Jahr vergangen? Sie sehen immer noch aus wie der blühende Frühling“, flirtete der Inhaber mir meiner Oma als er auf uns zu kam. „Sie schmeicheln mir mal wieder, lassen sie das bloß nicht ihre Frau hören, mein Lieber.“ Wie immer freute sich meine Oma über sein Süßholzgeraspel. Wir wurden zu unserem Tisch geleitet und jeder musste seinen Platz vom Vorjahr einnehmen. Getränke durften wir noch nicht bestellen, da wir auf meine Schwester warteten. Ständig kam sie zu spät. Laut meiner Großmutter war das in Ordnung. Ich könne mir halt nicht vorstellen, ein Kind zu haben. Da könne man einfach nicht pünktlich sein, stimmte ihr meine Mutter zu. Ich verkniff mir eine Antwort und wollte grade auf mein Handy schauen als ich den Rest meiner Familie nahen hörte.

 

Man konnte meine Schwester nicht überhören, sie war immer laut, und mein Neffe Paul musste es ja dann auch zwangsläufig sein. Als ich meinen Schwager sah musste ich mir ein Grinsen verkneifen. Er trug einen fliederfarbenen selbstgestrickten Pullover.

„Hast du wieder mit dem Stricken angefangen, Heike?“ fragte ich meine Schwester.

„Ja, ich habe die Wolle aus dem neuen Wollladen in der Königsgasse, die haben dort eine Niederlassung.“

„Filiale“, unterbrach sie mein Schwager.

„Nicht jetzt Schatz, ich rede grade,“ plapperte meine Schwester weiter… und schon wieder waren meine Ohren auf Durchzug geschaltet.

 

Der Kellner kam mit den Weingläsern und goss uns diesen scheußlichen Rotwein ein, der einem auf der Zunge ein pelziges Gefühl hinterließ und im Abgang den Hals zuschnürte. Danach wurden die Menükarten rumgereicht und alle lasen. Es hatte sich nichts geändert. Seit den letzten 20 Jahren gab es nur diese eine und ich hätte schwören können, dass die Flecken in der Karte mindestens genauso alt waren. Ich wusste, dass es auch in diesem Jahr ein Salat werden würde. Die anderen bestellten sich Gyros, Souflaki, Bifteki Pommes oder diesen Djuvecreis und sogar Paul wollte diesmal keinen Kinderteller, denn er wäre ja 5 und damit schon groß. Natürlich sollte auch er seine viel zu üppige Schlachtplatte bekommen. Oma bestellte für mich noch ein Steak zu meinem Salat dazu damit ich mal etwas Anständiges zu essen bekomme. Mutter muss ihr wohl erzählt haben, dass ich nicht viel Zeit hätte umso banale Dinge wie Haushalt und Kochen unter einen Hut zu bekommen. „So wird es schwer, einen Mann fürs Leben zu bekommen, meine Liebe“, begann meine Oma doch ich stellte meine Ohren erneut auf Durchzug. So langsam war ich richtig gut darin.

 

Ich lächelte höflich und war sehr dankbar als mein Vater sagte, dass es Zeit für die Geschenke wäre. Meine Oma bekam ein kleines Päckchen von uns allen geschenkt. Sie freute sich als sie sah, dass es einen Aufkleber von Ihrem Lieblingsjuwelier hatte. Langsam packte sie eine Kette aus, an der eine Perle hing. Ich fand sie wirklich hässlich aber da Großmutter sich freute tat ich es ihr gleich. Paul machte diesen Moment kaputt, weil er meinte er hätte jetzt auch ein Geschenk verdient und wurde dabei so laut, dass sich die anderen Gäste zu uns umschauten. Zum Glück wurde mittlerweile so viel geraucht, dass man uns nicht wirklich erkennen konnte. Meine Mutter musste damit wohl gerechnet haben, denn sie zauberte ein kleines rotes Plastikauto in seine Hand und das Kind war bis auf weiteres beschäftigt.

 

Unser Essen kam und ich stocherte in meinem Salat herum. Wenigstens war er diesmal knackig, also musste er frisch sein. Nachdem mein Schwager seinen Teller in Windeseile in sich hineingeschaufelt hatte, aß er noch mein Steak und das Fleisch der Schlachtplatte seines Sohnes. Dieser hatte – welche Überraschung – nur Pommes gegessen und war aus wahrhaft unerklärlichen Gründen danach schon satt. Es konnte einem wirklich schlecht werden, wenn man ihm zusah wie er den Tischmülleiner ersetzte. Wenn ich eins aus den Geburtstagen meiner Großmutter gelernt hatte dann, dass das Essen im Nektar und Ambrosia wie Hundefutter schmeckte.

 

Doch auch der unangenehmste Abend geht irgendwann zu Ende, meine Oma bezahlte die Rechnung wir wurden mit den Worten: „Wir sehen uns im nächsten Jahr,“ verabschiedet. Endlich konnten wir das rauchgeschwängerte Lokal verlassen. Ich begleitete Oma zum Auto meines Vaters und sie sagte mir noch einmal wie gefährlich eine Blasenentzündung ist. Sie stieg ins Auto und damit war dieser Abend auch Geschichte.

 

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