Kommunikationsprobleme

Was passieren kann, wenn ein Sprachwissenschaftler plötzlich zum Schriftsteller mutiert, hat uns bereits Tolkien gezeigt.
Was passiert, wenn eine June drei total unterschiedliche Figuren aufeinander loslässt und mit dem aktuellen Kommunikationswissen, Aliens und Comic-Helden verbindet, lest ihr nachfolgend.

Zuvor eine kurze Vorstellung der Personen:

Interviewerin:
Sarah Sachkehler, aus einer reichen Familie, ist jung, dynamisch, aber schusselig. Sie forscht an einer namenlosen Universität im Ruhrpott, Bereich: Extraterrestrische sowie zwischenweltliche Kompetenz. Sie will weg vom altertümlichen Kommunikationsmodell hin zu einem neuen, frischen und zufällig von ihr selbst entwickelten Auramodell der Metakommunikation.

Erster Interviewpartner, nachfolgend „L“:
Pater Lordus, seines Zeichens Geistlicher in einer namenlosen Gemeinde im Ruhrpott. Fällt öfter durch Portale, die der Herrgott in seiner und anderen Kirchen öffnet. Sein Auftrag lautet: Am Ende der Welt Personen vorm Suizid oder Schlimmerem bewahren. Dazu wird er beim Eintritt ins Portal in mehrere Lordus’ kopiert.  Eines Tages landen mehrere Kopien und der echte in der sogenannten Zwischenwelt, wo alle Charaktere lebendig sind, die je ein Mensch erdacht hat.

Zweiter Interviewpartner, nachfolgend „S“:
Prof. Dr. Adam Strebelmann, Chemieprofessor an einer namenlosen Universität im Ruhrpott. Hat ständig Stress mit Außerirdischen in seinem Keller, die seine vom Chef geforderten Substanzen im Labor verunreinigen, weil sie diese für ihre Libido benötigen. Strebelmann bewohnt einen künstlerisch wertvollen Container nahe seines Instituts. Er ist nicht weniger schusselig als Sarah, dafür aber älter. Wie er sonst so drauf ist, könnt ihr unter anderem hier hören.

Dritter Interviewpartner:
Dr. Manhattan aus Watchmen

Nun aber das Interview, viel Spaß!

Interviewprotokoll vom 19.05.15

Herr Pater Lordus und Professor Strebelmann! Ich freue mich, dass Sie auf mein Schloss zu diesem Interviewtermin gekommen sind. (Die Interviewerin, Frau Sachkehler, fächelt sich Luft zu und bekommt Hektikflecken.)

L: Solange es die Zeit erlaubt, sind wir gerne bereit, aufstrebenden jungen Forschern zu helfen. Sogar wenn sie adlig sind. (schmunzelt)

S: Wie können wir Ihnen helfen?

Wie ich Ihnen bereits im Vorfeld gesagt habe, geht es mir darum, ein paar Schneisen in das Dickicht des Forschungsgegenstandes der extraterrestrischen und zwischenweltlichen Kommunikation zu schlagen. Es sollen anschauliche Handlungsräume für einen erfolgreichen Austausch aufgezeigt werden. (hüstelt) Dazu zählen Literaturstudien sowie Interviews mit Experten, wie Sie, die über einen ausreichenden Erfahrungsstand verfügen. (lächelt)

L: Wir Pater gehen oft ungewöhnliche Wege. (Er schaut entrückt gen Himmel.)

S: Nur zu, schießen Sie los.

Nun, erst einmal würde ich (hüstelt) gern wissen, wie es überhaupt zu einer Zusammenarbeit zwischen einem Pater und einem Chemieprofessor kam. Wer hatte die Idee zu Ihrem gemeinsamen Projekt? (Ein Papierstapel fällt vom Schoß, Strebelmann eilt zu Hilfe.)

L: Nun, sagen wir es doch pragmatisch, ein Teil von mir ist dem Professor sozusagen in die Arme gefallen, aus einem Portal heraus. (L prüft immer mal unauffällig seine Arme auf Durchsichtigkeit.)

S: Oh ja, das war vor einer halben Ewigkeit in der Hofkirche. Damals wuchs mein Interesse an der chemischen Zusammenstellung von Portalen. Zumal die Außerirdischen in meinem Keller auch dauernd welche zu benutzen scheinen. Nur sind deren Tore in andere Dimensionen farblos, während das von Lordus grell und wohl generell auf Kirchen beschränkt ist.

So war das also. Und jetzt haben Sie bereits ein Buch herausgebracht. Den Titel könnte man als (wühlt umständlich in ihren Unterlagen) Portalfarben und der Zusammenhang zur individuellen Aura zusammenfassen.

S: Ja.

L: Wobei das nicht ganz korrekt ist.

S: Aber denkbar.

Nun (räuspert sich), wie Sie ja bereits wissen, ist unser Lehrstuhl ein Kommunikationslehrstuhl. Sie als Koryphäen können mir doch sicher sagen, wie die Verständigung zwischen Ihnen, Herr Professor und den Aliens als auch Ihnen, Herr Lordus und den Zwischenweltlern im Allgemeinen abläuft. Fühlen Sie sich im Diskurs eingeschränkt?

S: Positionen die eher naiv sind, werden schnell als bedeutungslos abgetan. Im vorigen Jahr wurde gegen mein anderes Buch Die vielschichtige Alien-Aura drastisch vorgegangen. Dabei ist es ein Traktat, welches die guten, mitfühlenden Seiten der Außerirdischen in den Vordergrund stellt.

L: Offensichtlich ist das nicht erwünscht. (tupft sich den Schweiß von der Stirn)

Welche Rolle spielt dabei die Sprache?

S: In einem Großteil der Galaxien werden komplett andere Ausdrucksformen verwendet. Gerade die aus Beteigeuze angeworbenen Gelehrten kommen für ein ein, zwei Jahre her und verschwinden dann sang und klanglos. Das motiviert nicht gerade, die Sprachen der Erde zu lernen. Dementsprechend kompliziert ist dann die Verständigung.

L: Ich habe den Vorteil, dass in der Zwischenwelt alle meine Sprache sprechen.

Das ist aber interessant, haben Sie dafür eine Erklärung, Herr Lordus?

L: Nicht unbedingt. Ich denke, wenn ich Pole wäre, würden sie wohl polnisch sprechen. Daher ging ich anfangs davon aus, dass es nur eine Fantasiewelt ist. Weniger real, wissen Sie? Aber Prof. Strebelmann hat mich eines besseren belehrt. Es sieht danach aus, als seien Zwischenwesen und lebende Comicfiguren multilingual.

Vielleicht haben Sie einen unsichtbaren Übersetzer im Ohr? (kichert)

L (schüttelt seinen Kopf): Unwahrscheinlich.

S: Es ist wohl tatsächlich so, dass die Zwischenwesen ihre Aura an die von Herrn Lordus angleichen und somit eine chemische Übereinstimmung schaffen, die sich wiederum auf die Sprache auswirkt.

Sie meinen damit, alles ist aura-abhängig?

S: Ja. Nur wir Menschen können unsere Aura noch nicht bewusst ändern.

L: Geschweige denn sehen.

S: Bei den Aliens bin ich mir nicht sicher, habe aber ein paar Testreihen laufen…

L: Ach, tatsächlich? Das wusste ich gar nicht.

S (grinst): Nebenjob.

Das würde generalisiert bedeuten, wenn wir unsere Ausstrahlung oder Wirkung auf Andere auch verändern und an – sagen wir mal – unser Gegenüber anpassen, dann könnten wir alle ohne Schwierigkeiten kommunizieren?

S: Ja.

L: Wir haben da so einen Probanden mitgebracht. Kennen Sie Dr. Manhattan?

Aus den Watchmen-Comics!

L: Das kann sein. Ich traf ihn jüngst in einer Zwischenwelt und er ist mir durch das Portal hier her gefolgt. Ich hole ihn mal herein. (entfernt sich)

S: Manhattan ist ja, wie ich erfuhr, von einem Englisch-Muttersprachler erdacht worden. Sprechen Sie ihn an und passen Sie auf, was passiert, wenn er hereinkommt.

(L erscheint gefolgt von einem blau schimmernden, muskulösen Mann.)

L: Das ist Frau Sachkehler.

Dr. Manhattan, es ist mir eine Ehre! (Sie steht auf und schüttelt seine Hand, wobei wieder alle Notizen zu Boden fallen.)

Freut mich, sie kennen zu lernen, Miss Sachkehler.

S: Haben Sie gesehen, wie sein Blauschimmern anders wurde, bevor er sprach?

Faszinierend. Das gäbe nicht nur der interweltlichen, sondern jedweder Kommunikation eine völlig neue Ebene! (Sachkehler berührt den strahlenden Manhattan am Oberarm.)

S: Wir haben aber leider noch nicht herausgefunden, wie wir als Personen uns das zu nutze machen können. Seine chemische Zusammensetzung ist anders als menschliche oder extraterrestrische. Wir sind jedoch auf einem guten Weg, das Geheimnis zu lüften.

L: Ein weiteres Problem scheint mir zu sein, dass die Aliens oft nur auf ihr Vergnügen aus sind, daher sind sie schwer zu erforschen, wenn man nicht gerade eine Essenz herstellt, die den Geschlechtstrieb stärkt. (Er schaut schief grinsend zu S.)

Dr. Manhattan: Libido stärken? Wer braucht denn so etwas? Teilt euch lieber in mehrere Teilmengen, dann könnt ihr auch eine große Anzahl Frauen befriedigen. (grinst)

(L hüstelt laut.)

(Sachkehler errötet) Nun, zurück zum eigentlichen Thema. Kulturelle Überschneidungen werden oft als Zwischenraum der Uneindeutigkeit, und Vagheit charakterisiert. Es gibt also auch kritische Situationen. Personales Fehlverhalten kann zu Bedrohung führen, welche Typen der Verhaltensregulation sind Ihnen aufgefallen?

L: Welche gibt es denn?

S: Verhaltensregulation?

Ja, äh, also (trinkt einen Schluck Wasser) … es gibt Dominanz, wenn die eigenen kulturellen Werte und Normen als überlegen angesehen und durchgesetzt werden.

L: Ach ja, das kenne ich aus der Zwischenwelt. Ich habe da immer Anpassungsdruck.

S: Wie können erdachte Wesen und Geister dominant sein?

L: Woher soll ich das wissen?

Dann gibt es noch Assimilation, wenn fremde Werte und Normen komplett übernommen und in das eigene Handeln integriert werden. Das ist dann wohl das, was die Zwischenweltler von Herrn Lordus erwarten.

S: Ach, das kann gar nicht sein, die wissen doch selber nicht, was sie wollen.

L: Ist meine Identität gefährdet?

S: Glaube nicht.

Wie ist das mit den Außerirdischen?

S: Die sind ein völlig anderes Kaliber.

Es gibt dann noch Divergenz, ständige Widersprüche, weil Schwankungen zwischen dem eigenen- und fremdkulturellen Orientierungssystem auftreten.

S: Ja, so könnte man das schon beschreiben. Die Aliens sind nicht unsympathisch, aber sie tun permanent komische Sachen, die mir nicht nachvollziehbar erscheinen.

Wie ist es mit Synthese? Beide Kommunikationspartner vermischen und definieren ihre kulturellen Elemente neu.

L: Das könnte in der Zwischenwelt nur dann funktionieren, wenn man Schulen für Comicfiguren baut. Aber stellen Sie sich doch mal einen ausgewachsenen Lucky Luke nebst seinem Pferd in einer Lernanstalt vor!

S (räuspert sich): Ich nehme an, das ist wirklich zukunftsträchtig, wobei ich nicht weiß, ob ich die Libido der Außerirdischen mit denen der Menschen wirklich vermischbar wäre. Der Synergieeffekt wäre möglicherweise kaum auszuhalten. (schaut in weite Ferne)

Nun noch eine andere Frage in eigener Sache: Wissenschaftler sind in erster Linie Denker – haben Sie eigentlich Angst vor Kritik anderer?

S: Wissenschaft bedeutet immer Kritik. Auch an der eigenen Arbeit. In den Hochschulen findet man oft die laissez-faire – Methode, aber nur solange, bis eine Deadline zu Ende ist. (seufzt)

L: Ja, außerdem bekommt man im Studium sehr wenig von dem gesagt, was man später einmal tut …

(Dr. Manhattan schnarcht.)

Aber es gibt doch in ihrem Feld genügend wissenschaftlichen Nachwuchs?

S: Jede Menge. Viele Menschen fühlen sich von unseren Forschungen angesprochen, auch wenn oder gerade weil sie bisher nur wenig von den Aliens verstehen.

L: Es möchte jeder so ein Portal haben, aber keiner weiß, was es eigentlich bedeutet …

S: Junge Menschen wollen genauso Verständnis und Toleranz wie junge Aliens. Dadurch, dass es jetzt an den Universitäten Lehrstühle wie den Ihren gibt, wird sich sicher einiges ändern.

Man kann also festhalten: Sie sind durchaus erwartungsfroh!

S: Ja.

L: Naja. (Es folgt eine kurze Sprachpause.)

S: Es muss sich etwas verändern und ich bin mir sicher, eine neue Art der Aufklärung wird durch Ihre Forschungen eingeleitet. Die Bürger werden bald verstehen, dass die Außerirdischen nicht dem Feindbild entsprechen, welches gern gezeichnet wird.

L: Die sind alle nur xenophob. Ist ja nichts Neues, man denke z.B. an die Reaktion der Chinesen auf die Missionare.

S: Natürlich braucht der Wandel Zeit und kommt nicht über Nacht, aber ich bin da sehr zuversichtlich.

Vielen Dank für das Interview.

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