Marie

Liebe Freunde guter Geschichten!

Einige von euch wissen, dass ein paar meiner Geschichten von einem über die Jahrhunderte sehr gut erhaltenen, älteren Mann 🙂 auf Youtube gelesen werden. Viele fragten mich in der Vergangenheit oft, ob es die Möglichkeit eines Mitlesens gäbe. Bisher nicht! Aber nun soll sich das ändern.
Also lehnt euch zurück, klickt auf diesen Link und lasst euch von seiner Stimme verzaubern …

Marie (Eine Hommage an Edgar Allan Poe) 

An jenem speziellen Tag im Sommer wehte ein kühles Lüftchen um meine jugendliche Nase, während ich meinen allmorgendlichen Spaziergang vorbei am Elternhaus meiner Marie absolvierte. Das Anwesen lag heute verlassen und still, mein Vögelchen war offensichtlich zusammen mit den ihren ausgeflogen. Ich verweilte, um eine durch den Gartenzaun wachsende Blume zu pflücken. Eine edle Lilie, der meine Marie in Grazie und Eleganz in nichts nachstand.
Sie war ein Mädchen von herausragender Schönheit, entzückend im Charakter – oft gut gelaunt und selten zickig. Mich traf ein himmlischer Schlag, in dem Moment, als ich Marie zum ersten Mal sah. Im Vorbeilaufen traf mein Auge auf sie – spielend mit ihrer jüngeren Schwester im Garten dieses gegenwärtig leeren Hauses. Ich würde sie heiraten, das wusste ich von Anfang an!
Wenn ich ein Maler wäre, hätte ich meine Marie schon längst auf eine Leinwand gebannt, um ihre Anmut gewissermaßen für die Ewigkeit festzuhalten. Sie höbe sich als strahlend helle Prinzessin vom betont dunklen Hintergrund ab und ein schwerer, geschnitzter Holzrahmen würde das Gemälde geschickt verzieren. Ich sah es ganz genau vor meinem inneren Auge. Marie, mein Meisterwerk von göttlicher Natur! Verzückt hing ich diesem Gedanken nach. Ich sah mich mit Pinsel und Palette bewaffnet, ausdauernd künstlerisch tätig – nur für meine Marie.
Ich lupfte meinen Hut für vorbeigehende Passanten und schaute mir an jenem lieb gewonnenen Zaun noch einmal die bescheidene Einladung auf fahlem Papier an, die ich gestern in meinem Briefkasten vorgefunden hatte:

Alljährliches Sommerpicknick unter der großen Linde,

~ morgen ab 18 Uhr~

Absagen werden nicht geduldet.

Ich konnte meine Marie also auch heute Abend nicht sehen – es sei denn, ich nähme sie mit.

***

Später saß ich also mit Bekannten beim Picknick nicht weit von Sulzberg entfernt auf einer kleinen Anhöhe unter der großen Linde. Ein Baum, der nahezu verehrt wurde und diesem Fleck in Österreich seinen Zauber gab. An seinem Stamm wurde über die Jahre romantisch gesäuselt, ausgelassen gefeiert, wild geliebt oder auch herzzerreißend gestritten. Einmal soll die Linde sogar Zeuge einer Geburt gewesen sein. Die Aura des Baumes war also eine ganz besondere. Jeder, der im Dorf etwas auf sich hielt, hat bei der Linde schon einmal irgendetwas Einmaliges erlebt – und wenn es nur in Erzählungen war.
Ich war heute nervöser als sonst, aber das fiel kaum jemandem auf, denn die anderen schienen mit sich und der Welt zufrieden, plauderten unbeschwert von belanglosen Dingen und ab und an gab man flüsternd ein süffisantes Geheimnis hinter vorgehaltener Hand preis.
Meine Gedanken kreisten fast nur um Marie, ihre sonnengebräunte Haut, ihr freches Lachen, ihre goldenen Locken. Meine Marie. Die Marie, mit der ich gern mein Leben geteilt hätte. Die Marie, die alles für mich bedeutete. Die Marie, die immer in meinem Herzen sein würde, ganz nah bei mir. Mein Kopf begann auf einmal zu schmerzen. Weshalb saß ich hier zwar mit ihr – aber auch ohne sie? Warum konnte ich nicht einfach aufstehen und mich zu ihr begeben? Ich versuchte, den Gesprächen der anderen ein paar Worte objektiver Natur beizusteuern, um mich von Marie abzulenken, aber das Tosen in mir blieb. Es wurde sogar stärker. Ich wünschte, ich säße nicht unter diesen Menschen, sondern wäre allein mit mir – und meinem Gewissen. Sie hatte mich abgewiesen und ich dachte daran, dass ein Mädchen sich wohl zieren müsse, wie es der Ehrenkodex gebietet. Zu Beginn näherte ich mich ihr ganz zaghaft, später mit dem Mut der Verzweiflung. Aber sie hat meine Avancen wieder und wieder abgelehnt und wollte mir nicht glauben, dass ich das Beste für sie sei. Da musste ich ihr auf die Sprünge helfen. Das hätte sicher jeder in meiner Lage getan,. Es ist absolut nichts verwerfliches dabei, einen Menschen zu zeigen, dass man ihn liebt.
Jemand erzählte zu vorgerückter Stunde, dass Marie länger nicht gesehen wurde, aber keiner wusste, wo sie war. Ich schwitzte augenblicklich stark und ungeheure Panik stieg in mir auf. Natürlich ging ich sofort gegen die Angst vor, denn alles, was ich tat, tat ich aus Liebe. Ich musste nur sitzen und ausharren, bis diese lustigen Leute fertig waren mit ihren zwischenmenschlichen Spielchen. Und dann, wenn sich alle auf dem Heimweg befänden, würde ich Reste des Picknicks zu meiner Marie bringen. Sie war gar nicht weit von uns und wartete auf mich, da sie letztendlich eingesehen hatte, dass sie an meine Seite gehörte. Ich streichelte den Teil der Decke, auf dem ich saß und wusste instinktiv, dass sie es spürte.
Der Abend neigte sich langsam dem Ende und niemand bemerkte etwas von meiner Ungeduld. Ich hatte später doch noch alle recht gut unterhalten, lustig und forsch – sogar mit Stimmenimitation der jeweiligen Leute, über die ich mich lustig machte. Zwischendurch rang ich nach Atem, aber keiner nahm davon Notiz, weil man dachte, es gehörte zu meinem heutigen Auftritt auf der Bühne des Lebens. Meine Kopfschmerzen jedoch ließen sich nicht täuschen, sie nahmen unaufhörlich zu. Marie rief meinen Namen, lauter und lauter, es schien, dass weder mein eigenes noch das Lachen der anderen die Klangfarbe ihrer Stimme übertönen konnte. Ich rutschte aufgeregt hin und her, natürlich half aber auch das nichts. Warum ging denn keiner? Meine Marie fängt doch an zu frieren! Ich wurde wütender, sprang auf, lief ein paar Schritte, setzte mich wieder, um dann erneut aufzuspringen.
Meine Bekannten sprachen einfach weiter – als ob meine Unruhe sie gar nicht interessiere. Maries Schreien in meinem Kopf übertönte langsam aber sicher alles. Die anderen mussten es doch ebenfalls wahrnehmen? Marie schrie lauter und lauter. Hörten sie meine Marie schreien? Unsicher schaute ich in die Runde. Als ich das Tosen in meinem Kopf nicht mehr aushielt, riss ich meine Hände vor die Augen und schrie ebenfalls. Alles schien gewaltsam aus mir herauszubrechen. Grell und unmissverständlich:„Hört ihr nicht dieses Schreien?“, machte sich mein Zorn jäh Luft, „Meine Marie, sie braucht mich! Runter von der Decke!“ Ich zerrte nervös an der Unterlage und alle blickten mich erschrocken an, während sie langsam zu begreifen schienen und endlich aufstanden.
Ich schleuderte die Decke weit weg und grub wie ein Wahnsinniger mit meinen eigenen Händen, unter der Linde. Ich grub und grub, bis meine Marie hervor kam.
Kalt, aber wunderschön.

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