Mimi Moffat weiß was sie will

Ihre Frisur gefiel ihr ganz und gar nicht. Miss Mimi Moffat stieg aus dem ICE und richtete ihren derangierten Dutt, aus dem sich bereits einzelne Haarsträhnen gelöst hatten. Verspannt war sie von dem langen Fahren im Zug auch und so ging sie mit leicht steifen Gelenken den Bahnsteig entlang. Sie hatte zwar ein wenig geschlafen, doch wirklich wach war sie nicht. Ein Cappuccino von McDonalds würde nachhelfen müssen. Während sie in der langen Warteschlange stand, ließ sie ihren Blick über die bunte Mischpoke schweifen und wünschte sich sehnlichst eine Zigarette zu rauchen. Die sechs Stunden Fahrt saßen ihr in den Gliedern und der Sprinter hatte nur wenige Halte, an denen sie sich vor die Tür wagte, um ihrem Nikotinkonsum zu frönen. Jetzt war das Verlangen überdeutlich.

Nun mit Cappuccino versorgt, stand sie vor dem Berliner Hauptbahnhof und inhalierte zufrieden die toxischen Inhaltsstoffe der Lucky Strike. Wenn alles glatt ging, würde sie heute noch kriegen, was sie wollte. Bedauernd zertrat sie den Kippenstummel auf dem Asphalt und ging die paar Schritte zum ICE Hotel, um einzuchecken. In ihrem Zimmer im dritten Stock angekommen, trat sie ans Fenster und blickte auf die Straßen der Stadt, mit der sie eine Hassliebe verband. Alternativ angehauchte Eltern zogen ihre Kinder in superteuren, extra auf schmuddelig gemachten Klamotten hinter sich her, die Flaschensammler durchwühlten die Mülltonnen, alternde Männer performten trotz des fortgeschrittenen Alters auf Skateboards. Sie fand es … irgendwie eine Mischung zwischen würdelos (in dem Alter noch in Baggyhosen (!) auf hip machen zu müssen) und cool (ist doch scheißegal, was die Leute denken). Ihr Blick fiel auf ihr sich in der Scheibe spiegelndes Gesicht und sie beschloss noch kurz unter die Dusche zu gehen. Das warme Wasser würde ihren Gräten gut tun. Die Robe für nachher war schnell gefunden. Sie legte die Textilien auf das Bett, direkt neben ihren lila Trenchcoat. Denn auch wenn sie teilweise verächtlich auf die doch recht ungewöhnlichen Lebensweisen mancher Berliner herabsah, leistete sie sich durchaus auch eine nicht geringe Spur Extravaganz.                                                                                                         Während sie dampfumgeben in der Duschkabine stand und sich die Muskeln langsam entspannten, hing sie ihren Gedanken nach. Wie viele Jahre war sie nicht mehr hier gewesen? Zu viele, kam sie zu dem Entschluss. Viel zu lange hatte sie in dem bayrischen Kaff ausgehalten. Zwischen Musikantenstadl und Viehwirtschaft. Und dieses erzkonservative, von der katholischen Kirche geprägte Dorfleben war ihr schon zu Lebzeiten ihres nun verstorbenen Mannes auf den Senkel gegangen. Ohne ihn war sie endlich frei; und sie genoss den Luxus, den ihr das vererbte Vermögen ermöglichte. Deswegen würde sie sich auch noch den Pluto gönnen, den sie heute im Vorbeigehen, im Schaufenster des Swarovskiladens gesehen hatte. Einfach weil sie es konnte. Selbstzufrieden lächelte sie. Mit diesem schiefen Grinsen hatte sie ihn damals in ihren Bann gezogen. Und auch heute noch, Jahrzehnte später, verfiel es seine Wirkung beim anderen Geschlecht nicht. Und auch beim gleichen Geschlecht hatte es hin und wieder verfangen, doch das waren Ausnahmen. Die meisten Frauen konnten mit ihr nichts anfangen. Doch das machte nichts, die zwei Freundinnen die sie hatte, reichten ihr. Dieses Heititei-Gehabe der jungen Leute war ihr eh suspekt. Wo blieb denn da die Reibungsfläche? Mit Magret und Anneliese hatte sie teilweise nächtelang diskutiert und gestritten und trotzdem war klar, dass sie drei füreinander durchs Feuer gehen würden. So ging Freundschaft! Und auch diese eine, für sie, Madame Mimi Moffat, letzte Aktion wurde im Vorfeld nicht zu knapp besprochen. Obwohl Unverständnis herrschte – Magret war aber auch die prüdeste von ihnen dreien –   hatte sie zum Schluss überzeugen können. Anneliese hatte dann auch geholfen, die Adresse von Andreas rauszufinden. Wolfgang war schließlich schon seit elf Monaten unter der Erde und sie war auch nicht mehr die Jüngste. Und so kam es, dass sie wieder in der Stadt war, in der sie zum ersten Mal ihr Herz verloren hatte.

Sie rubbelte sich gründlich ab, auch zwischen den Zehen. Wolfgang hatte mal so fiesen Fußpilz gehabt, dass zwischen den Zehen das rohe Fleisch zu sehen war, seitdem nahm sie es nicht mehr so lax. Sie schlüpfte in die schwarzen Dessous (Triumph – dem Erbe sei Dank) und überlegte, ob sie sich wirklich in die Pumps quälen sollte. In ihrem Fall siegte Optik vor Bequemlichkeit, und die fünf Zentimeter würden sie schon nicht umbringen. Sie nahm ihr Handy zur Hand und unterrichtete ihre Freundinnen von der Ankunft. Man sah, dass sie sich erst spät mit einem Handy auseinandergesetzt hatte, denn sie bediente es bedächtig und mit wohlplatzierten Zeigefingerbewegungen, nicht mit den fließenden Bewegungen der Daumen, wie man es bei den Digital Natives beobachten kann.

Mimi Moffat packte ihr Handy in ihre Handtasche. Sie war gelb, denn Mimi mochte es, wenn sie von Komplementärfarben umgeben war. Ihr Herz schlug ihr jetzt bis zum Hals – war sie wirklich so verrückt, ihr Versprechen von damals einzulösen? Warum musste sie auch immer so großmäulig sein? Doch sie wusste was sie wollte: und Andreas würde sie nur über diese Aktion überzeugen können. Schließlich hatte SIE ihn damals vorm Traualter stehen lassen, um mit Wolfgang in Bayern ein angenehmes Leben zu führen. Und heute würde sie das umsetzen, was sie als 17jährige großspurig angekündigt hatte.

Sie gürtete den lila Trenchcoat, hing sich die gelbe Handtasche um und nahm sich ein Taxi zur Karaoke-Bar. Nur mit dem bisschen Textil bekleidet war ihr ein wenig kalt und die Aufregung tat ihr übriges. Sie zahlte die Taxe und betrat die Bar. Andi spielte Klavier, wenn gerade nicht gesungen wurde. Sie hatte Glück, es war noch nicht so voll und so trat sie auf die Bühne, nahm das Mikro, wandte sich Andreas zu, der mit zaghaftem Erkennen im Blick das Spielen pausierte, öffnete ihren Mantel und stand nun lediglich mit Dessous bekleidet vor ihm und dem noch spärlichen Publikum und fragte laut und deutlich: „Andi, willst du mich heiraten?“

Somit hatte sie ihr Versprechen von damals eingelöst und Andreas Antwort (zum Glück sagte er „Ja.“) ging im Applaus der Leute fast unter. Doch sie hatte es gehört und das war die Hauptsache.

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