Nummer Sicher

Dies ist ein möglicher Handlungsstrang der Geschichte Pandemie:

Es war eine schwere Entscheidung, aber die Zahlen ließen ihr keine Wahl. Die potentielle Gefahr des Virus war zu hoch und sie wollte sich nicht vorwerfen lassen, zu zögerlich gehandelt und Menschenleben gefährdet zu haben.

Mit einer einzigen Rede änderte sie alles. Während sie verkündete, welche gesellschaftlichen Bereiche zu schließen hatten und welche nur noch eingeschränkt und mit Auflagen öffnen durften, versuchte sie inständig die Menschen zu Umsicht und Verständnis aufzufordern. Beteuerte, dass die Lebensmittel- und Gesundheitsvorsorge sicher sei, und bat die Bevölkerung darum, Ruhe zu bewahren.

Doch mehr Furcht schwemmte durch die Gesellschaft. Das Phänomen der Hamsterkäufe griff auf weitere Warengruppen über. Nun war nicht nur Toilettenpapier Mangelware. Obwohl der Einzelhandel täglich die Regale auffüllte, waren sie in kürzester Zeit leergeräumt. Menschen, die bisher gelassen blieben, standen nun vor immerzu leergekauften Regalen, bis sie selber begannen, Vorräte zu horten, wenn sie die Gelegenheit bekamen. Supermärkte limitierten die Mitnahme von Konserven, Grundnahrungsmittel und Toilettenpapier. Sicherheitskräfte und Polizei mussten mancherorts die Einhaltung überwachen, um Angestellte vor Kunden zu schützen.

Und es gab Auswirkungen, die keiner der Politiker kommen sah, obwohl gerade sie es hätten besser wissen müssen. Aber die Steuergelder hatten bislang gesprudelt, denn die Wirtschaft in Deutschland war stark und Deutschland war reich. Doch nur auf den ersten Blick. Zu viele Firmen lebten von der Hand in den Mund. Blieben nur dank ihren laufenden Einnahmen auf dem Markt. Kleinere, weil sie durch den wirtschaftlichen Druck keine Rücklagen bilden konnten, und große Konzerne, weil ihr Gewinn durch die Aktionäre unentwegt abgezogen wurde. Auch Misswirtschaft in einzelnen Unternehmen, die in normalen Zeiten vielleicht noch zu kompensieren wäre, rächte sich nun mit voller Wucht. Plötzlich sahen sich Millionen Menschen von heute auf morgen ihrer Existenzgrundlage beraubt und fürchteten um ihre Zukunft.

Aber es gab auch andere. Unverbesserliche, die einfach stur ihr Leben lebten, durch die Geschäfte flanierten, unbeirrt in den Urlaub flogen und trotzig Pandemiepartys feierten. Rufe nach einer Ausgangssperre wurden laut, denn die Angst vor dem Virus war noch größer geworden. Die Staatsmacht geriet gewaltig unter Zugzwang.

Die geteilte Machstruktur Deutschlands erschwerte die Durchsetzung bundesweiter Maßnahmen. Eine Kontaktsperre wurde ausgerufen und die Bewegungsfreiheit der Bevölkerung weiter eingeschränkt. Die Länder stritten unter einander heftig um ein gemeinsames Vorgehen, doch am Ende setzte jedes Bundesland die beschlossenen Verschärfungen doch wieder individuell um.

Lange Schlangen bildeten sich vor Kliniken und Arztpraxen. Es waren Menschen, die Angst hatten und Sicherheit suchten, nicht infiziert zu sein. Dass der Test diese Sicherheit nicht geben konnte, verdrängten viele dabei gekonnt. Andere wussten einfach nichts davon. Waren es am Anfang der Pandemie nur ein paar Tausend Tests pro Woche, stieg die Zahl der Virentests schnell auf über 200.000 im gleichen Zeitraum. Und mit den vermehrten Tests wuchs auch die Zahl der bestätigten Fälle schnell. Labore wie Kliniken wurden mit dem Ansturm der Testwilligen bis über ihre Kapazitätsgrenze belastet, kämpften sie doch schon mit den zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen und der Vorbereitungen auf einen Anstieg wirklich Kranker.

Nun nahmen Herzchirurgen Rachenabstriche, während Internisten Leute befragten, um herauszufinden, ob ein Test überhaupt angemessen war, anstelle ihrer eigentlichen Berufung nachzugehen. Denn obwohl die Menge der Tests schon durch die Laborkapazitäten beschränkt war, blieb die Nachfrage viel höher, als Tests zur Verfügung standen.

Viele hatten das Gefühl, die Welt hielte an, und während ganze Wirtschaftszweige um ihre Existenz bangten, explodierte der Onlinehandel regelrecht. Selbst Amazon musste Lieferzeiten anpassen, da Logistik und Zusteller unter der Flut von Onlinekäufen zusammenzubrechen drohten. Selbst im realitätsfernen Raum des Internets zeigten sich auch erste Anzeichen der Epidemiemaßnahmen. Streaming Dienste drosselten ihre Leistung, um mit Menge und Masse der Konsumenten zurechtkommen zu können.

Und die strikten Maßnahmen hatten Erfolg. Trotz mangelnder Schutzkleidung für das medizinische Personal, gingen die Zahlen der neuen Infektionen zurück. Und schon riefen einige Stimmen nach einer Lockerung der gesellschaftsumfassenden Einschränkungen.

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