Nur einen Gedanken weit weg …

Wir fragen uns manchmal, was passiert, wenn jemand gestorben ist. Wie es weiter geht. Geht einfach das Licht aus und das wars? Oder kommt „danach“ noch etwas? Wandeln die Geister der Toten dann unter den Lebenden? Bis zum Ende aller Zeiten? Und wenn ja, spüren wir, die Lebenden, etwas davon? Etliche Filme haben sich mit dem Thema beschäftigt. The Sixth Sense, Passengers, Hinter dem Horizont, Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit, um nur einige wenige zu nennen. Diese kleine Geschichte erzählt etwas über das „danach“, bevor die Seele ihre Reise nach Hause antritt.
Ob es letztlich so sein wird? Laßt euch überraschen…

Nur einen Gedanken weit weg …

Er legte ihr die Hand auf die Schulter, wenn sie wieder von Weinkrämpfen geschüttelt wurde, flüsterte Edeltraud tröstende Worte ins Ohr. Aber sie schien ihn nicht zu hören. Abends saß er an ihrem Bett und sah ihr dabei zu, wenn sie sich unruhig in den Laken wälzte, weil sie nicht einschlafen konnte vor lauter Kummer.

Cornelia, ihre Tochter und deren Freund Nick kamen sie oft besuchen, kochten ihr Kaffee, halfen ihr bei den Dingen des Alltags. Spendeten Trost und Zuspruch.

Dann kam der Tag, wo er Edeltraud hinaus auf den Friedhof begleitete. Viele Leute waren gekommen, und er fand das auf eine traurige, berührende Art schön. Das bedeutete schließlich, dass viele ihn gemocht hatten und nun hier waren, um sich von ihm zu verabschieden.

In der  kühlen Einsegnungshalle war der  Sarg aufgebahrt. Schönes Mahagoniholz, auf Hochglanz poliert und flankiert von großen Kerzenleuchtern, umsäumt von Kränzen und Blumen. Der Deckel des Sarges war noch geöffnet, und die meisten Trauergäste gingen nach vorne um einen letzten Blick auf den Verstorben zu werfen. Auch Edeltraud und er gingen bis ganz nach vorne und blickten in den offenen Sarg.

Ein alter Mann lag darin, in seinem besten, dunklen Anzug. Die Hände über dem Bauch gefaltet. Die Augen geschlossen, so, als schliefe er nur.

Er stellte überrascht fest, dass ihm der aufgebahrte Mann vage vertraut vorkam. Aber es fiel ihm gerade nicht ein, woher er ihn kannte.

Gerade wollte er Edeltraud danach fragen. Doch sie wankte und hielt sich kurz an der Kante des Sarges fest, bis sie ihr Gleichgewicht wieder gefunden hatte. Und so verschob er die Frage auf später. Edeltraud beugte sich über den Mann und flüsterte ihm Worte zu. Ihre Tränen tropften dabei auf sein bleiches Gesicht. Dann drückte sie kurz die kalte Hand, bevor sie sich ihr Taschentuch auf die Augen presste und schwankenden Schrittes auf die leeren Sitze in der ersten Reihe zusteuerte. Er setzte sich neben sie.

Es dauerte einige Zeit, bis alle Trauergäste eingetroffen waren und ihren Platz in der Einsegnungshalle eingenommen hatten. Eine kleine Glocke ertönte, und der Pfarrer trat mit würdevollen Schritten hinter das Rednerpult. Musik erklang leise, verebbte wieder, und dann begann der Gottesmann eine kleine Rede zu halten.

Edeltraud schluchzte hörbar in ihr Taschentuch, und Cornelia, die neben ihr saß, nahm ihre Hand.

Er fühlte sich seltsam fremd und allein hier unter all den Menschen.

Es wurde ein Gebet gesprochen, und nachdem das vielstimmige Amen verklungen war traten die sechs Sargträger nach vorne, verneigten sich vor dem Sarg, und einer der Sechs verschloss den Deckel mit einem dumpfen Poltern. Zwei der Sargträger nahmen das große Blumenbouquett mit roten Rosen vom Boden vor dem Sarg auf und legten es auf den Deckel. Danach nahmen sie zu beiden Seiten des Sarges Aufstellung und hoben ihn auf ihre Schultern. Gemessenen Schrittes bewegten sie sich dem Ausgang zu.

Die Trauergemeinde erhob sich. Edeltraud, Cornelia, Nick und er machten den Anfang und schritten hinter dem Pfarrer her.

Am Grab angekommen nahmen alle rund um die ausgehobene Grube Aufstellung. Der Pfarrer sprach ein weiteres Gebet, segnete den Sarg und die Grabstelle und dann ließen die Träger ihre schwere Last langsam hinab. Der Pfarrer warf die erste Schäufelchen voll Erde auf den Sarg. Edeltraud wählte eine rote Rose, die sie in die Grube warf, gefolgt vom Aufprasseln der Erde. Danach nahm Cornelia ihr die Kelle aus der Hand. Reihum taten es ihr die anderen Trauernden nach.

Als Edeltraud zur Seite trat, blickte er zum ersten Mal zum Grabstein hin und mit Erstaunen erkannte er das Grab seiner Familie. 

Da erst begann es ihm zu dämmern. 

Warum er sich so leicht fühlte. 

Warum Edeltraud ihn nicht ansah, wenn sie zu ihm sprach. 

Warum sie ihn nicht immer zu hören schien.

Er betrachtete interessiert die Kränze, die die Friedhofsangestellten auf einem kleinen Wagen zum Grab befördert hatten. An einem Kranz aus roten Rosen stand, in goldenen Lettern auf schwarzem Grund ,“liebende Gattin” auf der Schärpe, und auf der anderen Seite “Edeltraud”. Und auf dem nächsten Kranz, voller weißer und hellrosa Rosen, “Tochter und Schwiegersohn” und “Cornelia und Nikolaus”.

Da erst war es ihm vollends klar. 

Sie waren seinetwegen hier. 

Er war gegangen. 

Sie begruben hier seinen Leichnam. 

Wie alt er doch ausgesehen hatte, ganz anders, als in seiner Vorstellung. 

Er blickte zu Boden, und bemerkte, dass er keinen Schatten warf. Einer seiner Freunde trat durch ihn hindurch und hob fröstelnd die Schultern.

Einen Moment hielt er inne in seinen Gedanken, betrachtete seine Frau, seine Tochter und ihren Freund, alle seine Freunde und Bekannten voller Liebe. Er ging reihum, legte Cornelia  die Hand auf die Schulter, fasste seinen Schwiegersohn am Arm. Jeden der Anwesenden berührte er kurz auf die eine oder andere Weise. Dann kam er zurück zu Edeltraud, seiner Edeltraud. 

Er spürte, dass es Zeit war, Abschied zu nehmen von dieser Welt.

“Ich bin nur einen Gedanken weit weg”, flüsterte er in ihr Ohr.

Dann ließ er los…..

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