Pandemie

Eine unplanmäßige Ministerkonferenz fand im Kanzleramt statt. Das war an sich nichts Außergewöhnliches, doch fehlten einige Beteiligten.

„Wo sind denn unsere Kollegen von der SPD?“, fragte der Verkehrsminister leise seinen Landsmann Seehofer, der so tat, als lausche er aufmerksam dem langatmigen Bericht des Gesundheitsministers.

„Ich habe ihnen eine andere Raumnummer mitgeteilt“, flüsterte der Innenminister zurück und grinste. „Sie würden die Diskussion nur unnötig in die Länge ziehen, bevor sie am Ende doch allem zustimmen, was wir beschließen.“

Mit wissendem Lächeln nickte Scheuer. Das war Bayrische Politik in Reinkultur. Erst beschließen, dann die anderen vor vollendete Tatsachen stellen. Leider fiel ihm dabei wieder ein, wie diese Methode bei der Straßenmaut nach hinten losgegangen war. Sein Lächeln erlosch abrupt. Etwa zur gleichen Zeit, als Span endlich aufgehört hatte zu reden.

 „Die Krankheit ist also nicht mehr aufzuhalten“, fasste Kanzlerin Merkel den gerade gehörten Bericht der WHO zusammen. „Ist das wirklich Ihr Ernst?“

Der Gesundheitsminister trat von einem Bein aufs andere, nickte dann aber.

„Ja. So ist es wohl.“

„Und was heißt das für Deutschland?“, erkundigte sich Landwirtschaftsministerin Klöckner.

„Das Robert-Koch-Institut zählt aktuell 4.838 bestätigte Fälle“, erwiderte der Gesundheitsminister.

„Ach, das geht ja“, erwiderte die Frau naiv. Merkel hätte fast aufgestöhnt. Gerade an Tagen wie heute wünschte sie sich, dass Ministerposten von Experten besetzt wären. Aber so war es nun mal nicht.

„Noch ist die Zahl der bestätigten Infektionen nicht das eigentliche Problem, sondern dass wir in vielen Fällen die Ansteckungskette nicht mehr nachvollziehen können.“

„Und die Toten? Wie viele sind es jetzt?“

Die Kanzlerin verzog bei der üblichen Unsensibilität ihres Innenministers den Mund, sagte aber nichts.

„Die Zahl der Toten ist bedauerlicherweise schon auf 12 angestiegen.“

Die Kanzlerin rechnete.

„Damit haben wir eine Mortalitätsrate von 0,248 Prozent. Sehe ich das richtig?“

Span schaute kurz in seine Unterlagen und nickte dann.

„Ja. Sogar ziemlich genau. Unter diesem traurigen Aspekt stehen wir noch recht gut da. In China liegt die Sterblichkeitsrate bei 3,9 Prozent und in Italien sind es sogar 6,2 Prozent.“

„Wie schön“, säuselte Frau Klöckner erleichtert. Erst als sie die Blicke bemerkte, mit denen sie ihre Kollegen bedachten, verschwand der erleichterte Ausdruck auf ihrem Gesicht. „Was denn?“

„Finden Sie nicht, dass ‚wie schön‘ ein unangemessener Ausdruck in dieser Situation ist?“, tadelte Merkel vorsichtig. „Es geht schließlich um verstorbene Menschen.“

„Oh. Ja, natürlich“, ruderte die Ministerin schnell zurück. „Ich meinte, dass es schön ist, wie gut wir damit zurechtkommen.“ Unsicher sah sie sich um. „Kollege Span betont doch unablässig, dass wir hervorragend aufgestellt und auf alles vorbereitet sind.“

Der Gesichtsausdruck des Gesundheitsministers ließ ihr aufkeimendes Lächeln verwelken wie Unkraut beim Einsatz von Herbiziden.

„Oder etwa nicht?“

Nun sahen alle den Gesundheitsminister an, der gerade mehr wie ein Schuljunge in Anzug wirkte als ein hoher Staatsdiener.

„Als würde sie nicht auch ständig Fakten verbiegen“, tuschelte eine Männerstimme. Leider konnte Merkel nicht erkennen, zu welchem Minister diese gehörte. Span hatte dies jedenfalls nicht gesagt. Der stand nur da, während sein Kopf langsam rot wurde.

„Deutschland besitzt nach wie vor das beste Gesundheitswesen der Welt und ist daher in der Lage, mit jeder Krankheit fertig zu werden!“, presste er schließlich hervor.

Die Erleichterung im Raum war fast spürbar. Nur der Innenminister wirkte sauertöpfisch. Aber das konnte auch einfach nur sein normaler Gesichtsausdruck sein.

„Allerdings nur“, sprach Span stockend weiter, „wenn nicht zu viele Menschen unser System gleichzeitig in Anspruch nehmen.“

Schweigen. Merkel wusste nur zu gut, was der Gesundheitsminister meinte.

„Wieso?“, fragte eine weibliche Stimme in die betretende Stille. „Sie sagten doch, dass wir gut vorbereitet …“

„Das sind wir nicht!“, brach es nun aus Span heraus. „Wie auch? Seit Jahren wird mein Ressort beschnitten. Stellen, Abteilungen und ganze Einrichtungen werden geschlossen und für die weiter existierenden fehlt es an genügend Fachpersonal!“

Betretenes Schweigen folgte.

„Bleibt also doch nur, den Notstand auszurufen“, sagte der Innenminister mit einer Selbstzufriedenheit, die Merkel ganz und gar nicht behagte.

„Aber Sie sagten doch, dass es gar nicht so viele Krankheitsfälle gibt?“, klammerte sich die Agrarministerin an den Strohhalm ihrer Hoffnung. „Ich habe selbst gelesen, dass es zwischen 2018 und 2019 über 25.000 Todesfälle allein durch die Grippe gab. Und Millionen Menschen erkranken jedes Jahr an ihr, trotz Impfung. Das steht doch in keinem Verhältnis zueinander!“

„Das tut alles nichts zur Sache!“, polterte Seehofer. „Die Bevölkerung ist besorgt und die Medien berichten von morgens bis abends über die Epidemie. Wir müssen handeln! Den Toten Tote gegenüberzustellen, wird die Leute nicht beruhigen! Sie haben Angst!“

„Stimmt. Damit kennen Sie sich ja gut aus“, sagte die Kanzlerin und biss sich auf die Zunge. Sie durfte sich nicht durch ihre Antipathie zu diesem Mann beeinflussen lassen. „Ihre Haltung ist klar. Ich würde Sie daher bitten, Ihren Kollegen ausreden zu lassen.“

Nun wurde der Innenminister rot. Nicht aus Verlegenheit wie Span, sondern aus Wut. Er hatte ihre verbale Spitze sehr wohl verstanden, schwieg aber, obwohl es ihm sichtlich schwer fiel.

„Frau Klöckner bezieht sich da auf eine Hochrechnung. Haben Sie vielleicht etwas Aktuelleres?“

Der Angesprochene vergrub sich in seine Unterlagen.

„Ja. Tatsächlich. Seit Oktober 2019 bis jetzt wurden dem Robert-Koch-Institut 18.862 Influenzafälle durch Laboruntersuchungen bestätigt. 202 Krankheitsfälle hatten einen so schweren Verlauf, dass die Betroffenen daran starben.“

„Sehen Sie!“, sagte die Landwirtschaftsministerin überzeugt. „Im Grunde ist der Virus nicht schlimmer als eine Grippe. Eher anders herum. Wenn wir dies den Menschen klarmachen, könnte es einiges zur Entspannung beitragen.“

„Also schlagen Sie vor, es einfach laufen zu lassen?“

Der Gesundheitsminister wurde bleich.

„Nein, das wäre fahrlässig! Schon da es keinerlei Resistenzen in der Bevölkerung gegen den Virus gibt, verbreitet er sich noch schneller als eine Influenza. Und wir alle kennen die Ausbreitungsgeschwindigkeit der jährlichen Grippewellen im Winter.“

Nun stutzte der Innenminister.

„Also ist der Virus nun harmlos oder schlimm?“

„Weder noch. Oder sowohl als auch“, druckste Span nun wieder herum. „Wie man es nimmt.“

„Was meinen Sie damit?“, hakte die Kanzlerin nach. „Drücken Sie sich bitte klarer aus.“

Spans Blick zu ihr war finster.

„Ich versuche es“, seufzte er dann schicksalsergeben. „Ja, es stimmt. Der Verlauf dieser Erkrankung ist in der Regel nicht schlimmer als bei einer Influenza.“

„Wenn dem so wäre, würden wir doch nicht darüber reden?“, brummte der Außenminister, der bisher schweigend der Unterhaltung gefolgt war. „Unsere Nachbarn jedenfalls nehmen den Virus sehr ernst. Sie schließen sogar ihre Grenzen zu europäischen Nachbarstaaten.“  

„Ja. Aber aus einem anderen Grund. Sorgen bereitet unseren Experten vor allem die fehlende Grundresistenz in der Bevölkerung und die zu erwartende Verdoppelungszeit der Krankheitsfälle. Auch wenn laut WHO-Angaben der Krankheitsverlauf bei etwa 80 Prozent der Infizierten milde verläuft, erschwert gerade das eine Eindämmung der Krankheit. Es gibt einfach zu viele Träger, die nicht so sehr erkranken, dass sie es für nötig erachten, zu Hause zu bleiben oder sich testen zu lassen. Zeitgleich hat die Verunsicherung der Bevölkerung dafür gesorgt, dass es bei der Bereitstellung nötiger Schutzkleidung für medizinisches Personal zu Engpässen kommt.“

„Meine Rede!“, polterte der Innenminister. „Wir müssen jetzt handeln und Stärke zeigen. Die Bevölkerung muss sehen, dass wir entschlossen den Kampf gegen die Krankheit aufnehmen!“

„Da haben Sie natürlich recht“, sagte sie in der Gewissheit, dass der Bayer es liebte, recht zu haben. „Die Frage ist nur, was wir genau tun sollen.“

„China hat uns gezeigt, was hilft!“

„Sie meinen eine Ausganssperre verhängen und die Grenzen schließen?“

„So ist es!“

Die Kanzlerin zog ihre Augenbrauen hoch.

„Finden Sie das nicht übertrieben? Sie sind doch auch für das Wirtschaftsministerium verantwortlich. Gerade Ihnen sollte klar sein, was das bedeuten würde.“

Der Innenminister starrte sie einen Augenblick stur an.

„Welche Alternativen haben wir denn?“

„Also ich bin dagegen“, sagte Ministerin Klöckner ein wenig kleinlaut. „Wo sollen die Bauern denn ihre Erntehelfer herbekommen, wenn wir die Grenzen schließen? Außerdem verstehe das Problem immer noch nicht. So schlimm ist es doch gar nicht. Oder?“

Span senkte einen Moment den Kopf. Dann sagte er:

„Noch. Ich versuche es zu verdeutlichen. Die Experten, mit denen ich gesprochen habe, sind unterschiedlicher Auffassung, wie lange es dauert, bis sich die Zahl der Infizierten verdoppelt. Manche gehen von einer fast täglichen Verdoppelung aus. Andere sind optimistischer. Doch auch diese Prognosen rechnen mit einer Verdopplungszeit von maximal bis zu fünf Tagen. Heute haben wir 4.838 Fälle, von denen statistisch gesehen etwa zwanzig Prozent behandlungsbedürftig sind. Also zurzeit 967 Personen. In ein bis fünf Tagen werden es aber schon 1.935 Menschen sein. Danach 3.870 und eine Verdoppelung später sind es bereits 7.740 Personen, die zusätzliche medizinische Hilfe benötigen könnten.“

„Ja und?“, fragte die Landwirtschaftsministerin begriffsstutzig. „Worauf wollen Sie hinaus?“

„Darauf wollte ich gerade kommen. In Deutschland haben wir etwa 28.000 Betten zur Intensivbetreuung von Patienten.“

„Das ist doch ordentlich“, grummelte Klöckner beleidigt.

„Von denen durchschnittlich etwa 80 Prozent belegt sind“, redete der Gesundheitsminister weiter. Wir besitzen also eine durchschnittliche Überkapazität von knapp 5.600 Betten.“

„Und damit würde die potentielle Patientenzahl innerhalb von vier bis zwanzig Tagen unsere Kapazitäten schon deutlich überschreiten.“

„In einigen Regionen auch schon früher“, fügte Span leise hinzu.

„Ich verstehe“, sagte die Landwirtschaftsministerin. „Also ist das Gesundheitsministerium dafür verantwortlich!“

 „Würde mein Ressort nicht ständig unterfinanziert, wäre es nur halb so schlimm!“, polterte der Münsteraner hervor. „Wie ich ja schon in einigen Sitzungen klargestellt habe, leidet der Gesundheitssektor unter anderem an chronischem Fachkräftemangel. Und ich möchte betonen, dass ich während meiner Amtszeit alles versucht habe …“

„Jetzt bitte keine politische Rede“, unterbrach die Kanzlerin seinen Redefluss. „Wir sind hier, um zu entscheiden, wie es weiter geht.“

„Und?“, fragte der Innenminister sie süffisant, nur mühsam sein Grinsen unterdrückend. „Was werden wir also unternehmen?“

Eine gute Frage …

Sollte sie auf Nummer sicher gehen und Deutschland lahmlegen, womit die Ansteckungsrate möglichst niedrig gehalten wurde, oder gab es auch eine Alternative, wie man die Pandemie überstehen konnte. Wie schlimm musste es werden, bevor so umfangreiche Maßnahmen, wie der Innenminister sie forderte, gerechtfertigt waren? Und ab wann konnte sie verantworten, dass durch ihre Anordnungen Existenzgrundlagen von Millionen gefährdet wurden?

Die Kanzlerin war hin und her gerissen. Doch schließlich beschloss sie auf Nummer sicher zu gehen.

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