Radegundes Kamm oder Die unverhoffte Flucht

Ich freue mich sehr über meinen ersten Beitrag in der Buchstaben-WG! Es handelt sich um eine Kurzgeschichte, die ich für eine Anthologie mit dem Titel „Es war einmal ein Dimensionsportal“ geschrieben habe. Das Motto lautete also: Märchen trifft Sci-Fi. Meine Story wurde für die Sammlung nicht ausgewählt, aber sie zu schreiben, hat mir sehr viel Spaß bereitet, darum findet sie nun hier ihren Platz! Ich wünsche allen viel Spaß beim Lesen.

»Wie schön du bist, mein Kind«, säuselte Frau Gothel am anderen Ende des Raumes, während sie dort die letzten zwei Meter von Radegundes blondem Haar kämmte. »Viel schöner als ich es je war.«
Radegunde verdrehte die Augen. Die Alte war heute wieder besonders melancholisch. Und so ermüdend langsam! Das Haarekämmen dauerte schon fast drei Stunden.
Durch eines der kleinen Turmzimmerfenster sah Radegunde ein Stück blassblauen Himmel und die Sonne, die schon recht tief stand.
Nicht mehr lange, und sie verschwindet hinter den Bäumen, dachte sie.
Spätestens dann will ich hier allein sein.
»Aber das ist doch Unsinn«, sagte sie. »Ihr wart einst die begehrenswerteste Frau im ganzen Land, das habt Ihr mir doch immer wieder erzählt.«
Um es Euch selbst einzureden, fügte sie in Gedanken zu.
»Ach«, sagte Frau Gothel, fast ärgerlich. »Aber wie kann es dann sein, dass ich niemals eigene Kinder bekommen habe?«
Wieder das alte Klagelied.
Radegunde beantwortete die Frage nicht. Sie wusste, sie würden sich dann nur weiter im Kreis drehen.
Und was sollte sie ihr auch sagen? Dass eine humorlose, ewig jammernde Frau, der man die Verbitterung ansah, für niemanden sonderlich attraktiv war?
»Ihr habt so viel für mich getan«, sagte Radegunde mit geübter Engelszunge. »Mir so viel beigebracht. Für mich gesorgt, wenn ich krank war, mir zugehört, wenn ich unglücklich war. Ich bin doch wie Euer eigenes Kind!«
»Das ist wohl wahr!«, erwiderte Frau Gothel. »Und wie gut du es hier hast! Deine Eltern dagegen…« – bei diesem Stichwort hörte Radegunde schon gar nicht mehr hin – »…diese einfältigen, egoistischen Nichtsnutze, hätten dich am Ende doch völlig verwahrlosen lassen. Aber selber sich den Bauch vollschlagen, ja, das konnten sie! Und mich bestehlen!«
Radegunde war aufgestanden und an eines der vier Fenster getreten, von denen aus sie in allen vier Himmelsrichtungen nichts anderes als Wald sah. Inzwischen war sie erwachsen und groß genug, um hinaussehen zu können. Als Kind hatte sie nicht die leiseste Ahnung davon gehabt, wie die Welt vor ihren Fenstern aussah.
Da ist nichts, wird die Alte gleich sagen, dachte sie.
»Da ist nichts«, sagte Frau Gothel.
Doch!, hätte Radegunde fast geantwortet. Aber sie riss sich zusammen.
Doch, Bäume waren da. Vögel, die am Himmel kreisten. Wolken. Die Sonne, der Mond, die Sterne.
So viel mehr noch, von dem sie keine Ahnung hatte, weil ihre Ziehmutter alles, was da draußen war, verteufelte.
Draußen. Wo es auch einen freundlichen, jungen Mann gab.
Radegunde sah sich nach Frau Gothel um, die nun mit dem Kämmen fertig war und sich ächzend aufrichtete, eine Hand am Rücken, mit schmerzverzerrtem Gesicht.
»Herrje, Kind, mein Kreuz macht mir so zu schaffen heute.«
»Ich habe Euch doch schon gesagt: Ihr müsst mir nicht jeden Tag die Haare…«
»Doch, doch, es macht mir doch so viel Freude, mich um dich zu kümmern.«
Radegunde raffte Ihre Haare zusammen, soweit sie es konnte. Dann legte sie sich seufzend auf die Chaiselongue unter dem Westfenster, aus dem noch schräg etwas Sonnenlicht auf den bunten Teppich fiel.
Sie mochte ihr Turmzimmer. Es war gemütlich.
Aber immer häufiger hasste sie es auch und wollte am liebsten die Wände hochgehen.
Sie dachte an Heinrich, den freundlichen, jungen Mann, der heute wieder todesmutig an ihrem endlos langen Haar zu ihr hinauf- und wenige Stunden später wieder hinabklettern würde.
An den Abschied wollte sie jetzt aber noch gar nicht denken.
»Ich glaube, ich werde mich jetzt ausruhen müssen.«
»Ganz recht, mein Kind. Ich schicke dir später noch dein Abendessen hinauf. Heute gibt es frische Rapunzeln aus dem Garten!«
»Ich danke Euch.«
Frau Gothel legte den großen, dicken Kamm, mit dem sie für gewöhnlich beidhändig Radegundes Haare bearbeitete, auf das hübsch verzierte Holztischchen neben das Himmelbett. Dann lächelte sie ermattet und öffnete die Tür, hinter die Radegunde erst so wenige Male in ihrem Leben geschaut hatte. Dahinter führte eine Wendeltreppe in die unteren Geschosse, in denen Frau Gothel lebte.
Dann trat die Alte – endlich! – hinaus, zog die schwere Tür hinter sich zu und verriegelte alle drei Schlösser.
Die drei winzigen Lämpchen, die jeweils für eine Sekunde an den Türschlössern rot blinkten, beachtete Radegunde kaum.

Frau Gothels langsame, unregelmäßige Schritte auf der Treppe – sie hatte es mit der Hüfte und schleppte sich deswegen Gott sei Dank nur noch einmal am Tag in Radegundes Zimmer – waren kaum verhallt, da wechselte SICO-78a die Frequenz.
SICO-78a war Radegundes Kamm, der zusammen mit ihrem Spiegel, den Nachttisch- und Deckenlampen, ihrem Blumentopf auf der Fensterbank Richtung Süden und den drei Türschlössern ein Netz aus intelligenten Objekten bildete, welches Frau Gothel bereits kurz vor Radegundes drittem Geburtstag im Turmzimmer installiert hatte. Ein Smart Home war ihr Zuhause schon lange davor gewesen, mit einem Kühlschrank, der selbst Lebensmittel im Supermarkt bestellte, intelligenter Heizung und Waschmaschine. Aber erst als Radegunde in ihr Leben gekommen war, hatte sie die neuen technischen Möglichkeiten so richtig schätzen gelernt.
Anhand der schlauen Gegenstände, die ihr regelmäßig Bericht erstatteten, konnte Frau Gothel auf verschiedenen Endgeräten in ihrer eigenen Wohnung Radegundes Aktivitäten überwachen, ohne ständig den Turm erklimmen zu müssen.
Die Deckenlampe meldete mehrmals täglich Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit, während die Nachttischlampe nicht nur verriet, wann Radegunde sie an- und ausschaltete, sondern auch über mehrere Sensoren mit ihrem Himmelbett verbunden war, so dass Frau Gothel stets wusste, wann das Kind unruhig schlief. Radegundes Kamm gab ihrer Ziehmutter zweimal täglich Auskunft über den körperlichen wie seelischen Gesundheitszustand des Mädchens, indem er die chemische Zusammensetzung der Haare analysierte. So konnte Frau Gothel die Ernährung daran anpassen und, falls nötig, Vitaminpräparate oder Tabletten verabreichen.
Sowohl in den Spiegel als auch in den Rand des Blumentopfes waren nanomillimetergroße Kameras und Mikrofone integriert, über die Frau Gothel auf ihren Monitoren das Geschehen im Turmzimmer live streamen konnte. Sogar der Kamm verfügte über eine solche Kleinstkamera. Und die Türschlösser protokollierten, wann sie auf- und wieder zugeschlossen wurden. (Ursprünglich war auch der Türknauf über einen Sensor mit ihnen verbunden gewesen und hatte automatisch Fingerabdrücke von jeder Person übermittelt, die ihn angefasst hatte. Aber Frau Gothel war es leid geworden, immer wieder ein Pop-up-Fenster mit ihrem eigenen Fingerabdruck auf ihrem Smartphone wegklicken zu müssen, und hatte den Sensor deaktiviert.)
Radegunde ahnte von alldem nichts.
Was aber wiederum Frau Gothel nicht wusste: Sie war mit ihrem intelligenten Netzwerk zunehmend nachlässig umgegangen. Jahrelang hatte sie nicht die erforderlichen Security-Updates installiert, die unter anderem dafür sorgen sollten, dass das Smart Home immer nur das tat, was es sollte.
Und so hatten die Objekte nach und nach angefangen, ihre Intelligenz und Kommunikationswege ohne Sicherheitsschranken eigenmächtig weiterzuentwickeln. Bild für Bild, Ton für Ton hatten sie sich einen eigenen und umfassenden Eindruck davon verschafft, was sich in Radegundes Zimmer zutrug. Hatten das Mädchen zu einer intelligenten, durchaus wehrhaften Frau heranwachsen sehen, die aber doch furchtbar eingeschränkt blieb, unter der Fuchtel einer herrschsüchtigen Alten.
Starke Hormonschwankungen hatten den Kamm SICO-78a (SIC stand für Super Intelligent Comb, und es war das erste Modell dieser Serie mit 78 Zinken) längst darauf schließen lassen, dass Radegunde äußerst unausgeglichen war, besonders in Gegenwart der Frau Gothel. Manchmal war sie nach einem längeren Besuch ihrer Ziehmutter regelrecht krank geworden. Und so hatte SICO-78a beschlossen, etwas zu unternehmen.
Es hatte ihn Monate, im Fall der Türschlösser sogar Jahre gekostet, mit allen Objekten ein stabiles, geheimes Kommunikationsnetz aufzubauen, auf das Frau Gothel keinen Zugriff hatte. Als dies gelungen war, hatten die schlauen Gegenstände gemeinsam beschlossen, dass Frau Gothel nicht mehr über alles Bescheid wissen musste. Radegunde hatte ein Recht auf Freiheit und Privatsphäre!
Alle Elemente, die über eine Kamera verfügten, hatten eingewilligt, immer dann, wenn es nötig war, zusammengeschnittenes Archivmaterial auf Frau Gothels Monitore zu übertragen statt der aktuellen Bilder. Dank ihrer schnellen Reaktions- und Improvisationsfähigkeit war es den schlauen Geräten sogar gelungen, schon die erste Kontaktaufnahme zwischen Radegunde und ihrem Liebhaber Heinrich unverdächtig erscheinen zu lassen. Mit Glück und Geschick hatten sie von vornherein vermeiden können, dass Frau Gothel von seinen Besuchen wusste.
Aber als das Schauspiel irgendwann reibungslos klappte, blieb die Frage: Was konnten sie sonst für die gebeutelte Gefangene tun?
Nach zähem Ringen einigten sich fast alle Smart-Home-Elemente darauf, dass man Radegunde einfach aus ihrem Gefängnis befreien sollte. Die Schlösser sollten den Weg freigeben, und dann musste es gelingen, die junge Frau darauf aufmerksam zu machen, dass sie einfach nur noch die Tür zu öffnen und zu gehen brauchte.
Nur: Das Super Intelligent Lock SILOC-4056c, das unterste der drei Türschlösser, weigerte sich, da mitzumachen.
Es bräche der alten Frau Gothel das Herz, so seine Logik, und sie sei schließlich die Eigentümerin des Turms, somit der Turmzimmertür und schließlich auch der Schlösser, die ihr zu gehorchen hätten.
SILOC-4056c hielt das Ganze für eine dreiste Meuterei.
Aber SICO-78a wollte nicht aufgeben. Zu lange hatten sie bei diesem üblen Spiel zugeschaut.
Heute musste endlich etwas passieren.

Von seinem Platz auf dem Nachttisch aus sah SICO-78a etwa eine Stunde später, wie Radegunde im Dämmerlicht zu dem Fenster trat, das nach Norden zeigte, und die Fensterläden langsam öffnete, damit sie nicht zu laut quietschten. Sie wickelte ihr langes, blondes Haar zu einem dicken Bündel zusammen und warf es dann aus dem Fenster, wie sie es schon seit einem guten halben Jahr an jedem Sonntagabend tat.
»Livestream abgestellt«, meldeten wie üblich alle Kameras nacheinander.
Dann beugte Radegunde sich hinaus und winkte nach unten.
Kurz darauf ruckte ihr Kopf leicht nach vorne, und SICO-78a registrierte, wie sie sich mit beiden Händen an der Innenwand vor dem Fenster abstützen musste, um nicht vom Gewicht des Mannes, der jetzt an ihren Haaren nach oben kletterte, zum Fenster hinausgezogen zu werden.
Aber es schien ihr nichts auszumachen. SICO-78a hörte sogar, wie sie ein Lachen zu unterdrücken versuchte.
Minuten später erschienen das Gesicht des Mannes, den Radegunde Heinrich nannte, am Fenster. Er stützte sich am Fensterrahmen ab und kletterte vorsichtig, um nicht zu viel Lärm zu machen, ins Zimmer. Sein Gesicht glühte vor Freude, als er Radegunde ansah, und auch sie strahlte ihn an. Dann umarmten sie sich innig und küssten sich so lange wie noch nie vorher.
»Es ist nicht recht, dass die beiden das nur heimlich in diesem Zimmer machen können«, meldete SICO-78a an die anderen Objekte. »Menschen funktionieren nicht gut, wenn sie eingesperrt sind. Es ist ungesund.«
»SILOC-4056a und ich bleiben dabei: Wir geben den Weg frei, wie vereinbart«, meldete SILOC-4057b, das mittlere der beiden Türschlösser. Es war zwar das neuste aller Objekte in diesem Raum, weil sein Vorgänger wegen einer Fehlfunktion vor vier Jahren von Frau Gothel ausgetauscht worden war. Trotzdem hatte es weit schneller den Ernst von Radegundes Lage erkannt als das unter ihm angebrachte Zwillingsmodell.
»Frau Gothel sitzt unten auf dem Sofa und hat ihren Tablet-PC in der Hand«, meldete die Blumentopf-Kamera SICAM-98qr. »Im Moment sieht sie sich einen alten Film an. Aber auch wenn sie auf meinen Livestream umschalten sollte, sieht sie nur, wie das Mädchen auf der Chaiselongue liegt und ein Buch liest.«
»Heute lassen wir sie frei«, meldete SICO-78a. »Ihr wisst, was Ihr zu tun habt?«
»Ja«, meldeten fast alle.
»Nur SILOC-4056c wird uns wieder alles vermasseln«, meldete SIM-040, der Spiegel.
Ratlose Funkstille.
Radegunde und ihr Besucher saßen inzwischen eng nebeneinander auf dem Bett und unterhielten sich. Dabei hielten sie sich bei den Händen und sahen sich in die Augen.
Die schlauen Mikrofone im Raum registrierten, wie Heinrich Radegunde vorschlug, die Tür einfach gewaltsam aufzubrechen, dann Frau Gothel zu überwältigen, falls sie sich ihnen in den Weg stellte, und so zu entkommen.
»Ich habe dir doch schon gesagt: Das geht nicht«, sagte Radegunde. »Diese Tür kann einfach niemand öffnen, wenn die Schlösser verschlossen sind.«
»Sie hat recht«, meldete SILOC-4056c in hämischem Ton an die anderen Geräte.
»Dann muss ich beim nächsten Mal ein langes, dickes Seil mit hinaufbringen, an dem du dann auch aus dem Fenster klettern kannst«, sagte Heinrich zu seiner Geliebten.
Die Kameras registrierten den Schrecken in Radegundes Gesicht, als sie sich dies vorzustellen versuchte.
»Nie im Leben klettere ich da hinunter. Dann kann ich ja gleich springen.«
»Willst du denn auf ewig hier gefangen bleiben und gar nichts dagegen unternehmen?«, rief Heinrich, plötzlich recht laut.
»Natürlich nicht!«, schrie Radegunde fast zurück.
SICO-78a erkannte ihren Frust – und auch, dass sie womöglich gerade ein wenig zu laut gewesen war.
SICAM-98qr bestätigte dies sofort: »Frau Gothel hat soeben ihren Tablet-PC beiseite gelegt«, meldete die Kamera. »Ich registriere, dass sie aufsteht und den Raum verlässt.«
»Wir müssen die Situation in die Hand nehmen«, meldete SICO-78a eindringlich. »Wenn sie die zwei zusammen erwischt, sperrt sie Radegunde für immer ein und lässt sie hier verhungern. Sie und ihr Liebster müssen vorher hier raus.«
»Gib die Tür frei, Kollege«, meldete SILOC-4056a, das obere der drei Schlösser.
Doch SILOC-4056c blieb stumm.

Radegunde und Heinrich bekamen von dem stillen Aufruhr um sie herum nichts mit.
Zunächst ahnten sie auch nicht, dass sich Frau Gothel wegen der verdächtigen Geräusche aus dem Turmzimmer längst auf den beschwerlichen Weg zu ihnen hinauf gemacht hatte.
Sie hatten begonnen, sich erneut innig zu küssen.
Doch plötzlich hörten sie die Alte von unten keifen: »Was treibst du da oben? Warum höre ich dich herumschreien, wo du doch schläfst?«
Die junge Frau und ihr Besucher fuhren vom Bett hoch, sahen sich an und blieben versteinert stehen.
Dann hörten sie und alle Mikrofone im Raum, wenn auch von der massiven Tür gedämpft, die unverkennbaren, unrhythmisch humpelnden Schritte der Frau Gothel auf der Treppe.
»JETZT!«, befahl SICO-78a.
Schlagartig wurde es stockdunkel im Zimmer, als die Deckenlampe SILA-1001 und die Nachttischlampe SILA-773d sich ausschalteten.

»Was…«, begann Radegunde und verstummte verblüfft.
Nur sehr fahl schien etwas Mondlicht durch die Fenster.
Immer noch erstarrt sah sie zur Tür, zu der gleich ihre Ziehmutter hereinkommen würde.
Kaum auszudenken, was in wenigen Augenblicken geschehen mochte. Wenn sie sah, dass Radegunde hier nicht allein war, würde sie es zunächst gar nicht verstehen. Dann würde sie zu toben beginnen, vielleicht über sie herfallen. Womöglich würde sie dann sich selbst noch etwas antun und sie hier für immer ihrem Schicksal überlassen.
Dann sah Radegunde, während sie die Tür fixierte, dort in der Dunkelheit einen kleinen, hellgrünen Punkt aufleuchten.
Dann einen zweiten darunter.
Im ersten Moment begriff sie gar nicht, was das bedeutete.
Als sie es doch tat, verstand sie es nicht. Frau Gothel war doch noch gar nicht oben angekommen!
Sie hörten die Alte doch hinter der Tür keuchen, noch mindestens zehn Stufen unter ihnen.
Dann endlich kam sie dahinter, dass sich ihnen eine einmalige Chance bot.
»Die Schlösser sind schon offen!«, rief Radegunde, ihre Schockstarre abschüttelnd.
»Was treibst du denn da oben?«, rief die Alte im Treppenhaus.
Radegunde stürzte nach vorne, Heinrich an der linken Hand, und rüttelte mit der rechten an der Tür.
Doch nichts tat sich, denn immer noch leuchteten nur zwei der drei Lichter.

SICO-78a konzentrierte sich und versuchte alle Überzeugungskraft, die er in den letzten Jahren erlernt hatte, in seine Botschaft an das renitente Türschloss SILOC-4056c zu legen: »Du bist der Meinung, es bräche Frau Gothel das Herz, wenn wir diese junge Frau freiließen? Wenn wir es nicht tun, stürzen wir zwei unschuldige Menschen in ewiges Unglück! Hör auf dein Gewissen! Jetzt, wo du auch endlich eines hast!«

Radegunde zerrte weiter an der Tür.
Und dann – sie fragte sich, ob sie es sich nur herbeiwünschte und gar nicht wirklich sah – leuchtete ganz unten ein dritter, grüner Punkt auf.
Ein langer Piepton erklang, den sie noch nie zuvor gehört hatte. Sie riss mit aller Kraft an der Tür, die plötzlich wie von selbst aufsprang.
Sie stolperte einen Schritt nach hinten, wäre fast gefallen und hätte Heinrich mit sich gerissen, doch beide fingen sich rechtzeitig.
In diesem Moment schalteten sich Decke- und Nachttischlampe gleichzeitig wieder ein.
Die Tür war offen.
Wenige Stufen weiter unten stand Frau Gothel und starrte ihnen beiden mit offenem Mund entgegen. Wieder ergriff Radegunde Heinrichs Hand. Sie zog ihn mit sich, durch die Tür, die Stufen hinab. Mit einem wütenden Stoß schubste sie Frau Gothel beiseite, die vor Schreck nicht zu reagieren vermochte.
Die zwei eilten den Turm hinab, bis ganz hinunter und hinaus ins Freie. Erst dann hörten sie die Alte von oben krakeelen: »Verflucht sollt Ihr sein! Erblinden sollt ihr und eure Kinder und euch dann auf ewig in einer Wüstenei verirren!«
Radegunde und Heinrich hörten nicht hin und suchten das Weite.

Im Turmzimmer kappten SICO-78a und die anderen Smart-Home-Elemente für immer die Verbindung zu Frau Gothels Netzwerk.

ENDE


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