Susilas Produktnummer

Liebe Leser!

Dieses Mal muss ich euch vorwarnen. Einerseits entstand diese Geschichte mit Zutaten aus meinem persönlichen See des grenzenlosen Unsinns, zum anderen hat sie aber auch einen eher ernsten Hintergrund.

Man möge den Text mit einem Augenzwinkern lesen und ich muss deutlich sagen, ich habe keinerlei Aversionen gegen diverse Fantasygestalten und möchte das Genre in keinster Weise bloßstellen. Allerdings habe ich einen etwas merkwürdigen Humor – heißt es. 😉

[Namen sowie erwähnte Pflanzen sind von der wunderbaren Insel Java in Indonesien inspiriert.]

 

Susilas Produktnummer

Tropf. Tropf. Tropf.

Aninda öffnete ihre stahlblauen Augen, räkelte sich verschlafen und lauschte.

Tropf. Tropf. Tropf.

Och nö! Susila hatte mal wieder den Wasserhahn in der Küche nicht richtig zugedreht. Dummerweise befand sich ihr Zimmer gleich nebenan.

Tropf. Tropf. Tropf.

Aninda würde wahnsinnig werden, wenn es nicht bald aufhörte.

Tropf. Tropf. Tropf.

Sie sprang aus ihrem Bett und erledigte das tröpfelnde Ungetüm in weniger als zwei Sekunden.

Da hast du’s!“

Zufrieden schaute sie zu, wie die letzten Tropfen vom Schlund des Waschbeckens gefressen wurden.

Na bitte.“ Das schlanke Mädchen mit den blonden Locken tapste in die Küche und nahm eine Milchflasche aus dem Kühlschrank. Noch bevor sie einen Schluck nehmen konnte, fiel ihr Blick auf den gebeizten Holztisch, wo eine magische Feder kratzend Notizen auf einen Zettel schrieb.

Aninda ging näher heran und beobachtete den Kiel, der in krakeliger Schrift eine Liste mit ihren heutigen Pflichten erstellte:

1) Fenster putzen 2) Wäsche waschen 3) zur Gilde gehen und Dinge (du weißt, welche!) regeln 4) Blumen im Garten gießen 5) Beeren ernten 6) Büdchen mit Bedarf zum täglichen Leben überfallen 7) keine unnötigen Fragen stellen!

Aninda stellte die Milchflasche auf den Tisch und seufzte. Wann wurde ihre ältere Schwester eigentlich so merkwürdig? Reale Kommunikation war kaum mehr möglich. Aninda beschloss, Susila in ihrem Zimmer aufzusuchen. Auf dem Weg in den ersten Stock wurde sie jedoch von einer unsichtbaren Magiebarriere zurückgeworfen. Einen Moment saß sie auf dem Boden und rieb sich den schmerzenden Ellenbogen, dann stand sie auf und rief: „Susila, was soll das? Lass’ mich die Treppe hinauf!“ Außer einem Poltern war aus Susilas Zimmer nichts zu hören.

Susila? Was treibst du da oben? Rede mit mir!“

Die unerträgliche Stille schrie Aninda förmlich an.

Seit ein paar Jahren hatte Susila nun schon blaue Magie gelernt, und sie ließ keinen Moment aus, diese auch im Haus zu erproben. Seit ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen waren, hatte sie das Grundstück nicht mehr verlassen. Und kein Wort gesprochen.

Aninda gab vorerst auf. Sie ging zurück zum Tisch und las die Liste erneut. Büdchen überfallen? Was für ein Unsinn! Unmöglich, dass sie dem netten alten Bulan ihr Schwert an die Kehle legen sollte. Aninda drehte den Zettel um. Auf der Rückseite befand sich eine Produktnummer mit dem Hinweis, dass sie genau das und nichts anderes aus dem Büdchen beschaffen sollte. Sie konnte sich das Szenario bildlich vorstellen: „Bulan, nimm’s mir nicht krumm, meine Schwester braucht …“ – faltete Zettel auf und las Nummer ab – „Ich habe keine Ahnung, was das soll und wieso ich dazu handgreiflich werden muss, aber vielleicht ist das so ein neumodischer Gildenquatsch.“ Aninda schüttelte den Kopf. Ihr Blick fiel auf einen weiteren, handgeschriebenen Zettel von Ramelan, ihrem ebenfalls älteren Bruder. Den hatte sie wegen all der ihr auferlegten Pflichten seit vorgestern nicht mehr zu Gesicht bekommen. Sie angelte sich die Notiz:

Hallo Kleine, habe gestern zu viel Zauberkraut geraucht und bin etwas neben der Spur. Fahre trotzdem zum Jagen, damit du uns heute Abend ein schönes Essen zaubern kannst. R.

Toll! Nur eine Stunde am Tag hätte sie gern mal für sich. Dauernd musste sie etwas machen. Tagsüber all die Erledigungen für Susila und am Abend schleppte Ramelan zehn Kilo Fleisch an – unter dem traute sich keiner in der Jägergilde nach Hause. Und an wem blieb die ganze Arbeit hängen?

~

Später goss Aninda die Blumen vorm Haus. Der Punkt auf dem Zettel strich sich daraufhin – wie alle anderen zuvor – selbst durch. Wie schön die Lilien dieses Jahr gewachsen waren. Bulan kam ihr in den Sinn. Sie musste das Büdchen nicht überfallen, während er anwesend war. Klar, ihre Gilde würde das nicht gutheißen, falls sie es rausbekäme. Seit der „Großen Verträge von Rotburg“ durften Angriffe nur noch bei Tag durchgeführt werden. Die Argumentation war so schwer zu verstehen wie das Gremium selbst: mehr Nervenkitzel für die Alten und bessere Rekrutenauswahl. Vor allem keine hinterhältigen, nächtlichen Attacken mehr von vermeintlichen Freunden.

Während Aninda über die zarten, orangefarbenen Blüten strich, musste sie gähnen.

Auf das Gießen konzentrieren! Auf das Gießen … Auf das …

Hallo Aninda!“ Auf Anhieb war sie hellwach.

Oma Perdana!“ Aninda stand auf, nicht ohne sich zu fragen, wieso sie auf der Wiese gelegen und die Gießkanne umklammert hatte. Sie begrüßte die freundliche Nachbarin, die alle im Viertel nur Oma nannten. Es wurde gemunkelt, sie habe als junge Amazone mit einem der letzten Drachen gekämpft. Erfolgreich. Leider waren alle Aufzeichnungen darüber verloren gegangen …

Hör mal, mein Kind, ich möchte einen Kuchen backen, mögt ihr später nicht ein Stück probieren?“

Klar, gern. Aber denk’ dran, meine Schwester isst keine Tierprodukte.“

Ich erinnere mich.“

Allerdings weiß ich nicht, ob sie dir aufmacht. Ich bin später weg und Susila hat sich verbarrikadiert. Sie verhält sich komischer denn je.“

Oma Perdana seufzte und rollte mit den Augen. „Auf dir lastet wirklich viel mit deinen zwölf Jahren.“

Hm.“ Aninda blickte zu Boden.

Armes Kind.“ Perdana strich über Anindas Wange, dann stapfte sie energisch davon.

~

Später am Abend, kurz vor der Dämmerung, schlich sich Aninda zum Büdchen. Sie machte sich Sorgen, denn die Kommunikationsformen ihrer Schwester jagten ihr Angst ein. Was passierte, wenn sie es nicht machte, wollte sie sich gar nicht ausmalen.

Der dunkelgrüne Kiosk mit den großen Fenstern lag ruhig zwischen den einzigen beiden Gewürznelkenbäumen im Ort. Aninda stemmte eine Hand in die Hüfte. Wie um alles in der Welt sollte sie überhaupt diese Produktnummer finden? Ach, sie würde erst mal hinein kommen müssen.

Gerade wollte sie zur Tür schleichen, da verschwamm der Kiosk vor ihren Augen. Konzentration! Büdchentür … Gehen … Weitergehen …

Als Aninda zwischen zwei Baumfarnen zu sich kam, war es schon richtig dunkel geworden. Eine Schleiereule rief und Kühe muhten in der Ferne. Neben ihr fauchte eine wilde Katze. Sie sprang auf. Nirgendwo hatte man seine Ruhe!

Was tat sie hier eigentlich? Ach, das Büdchen. In ihrer Hosentasche suchte sie nach Susilas Zettel. Punkt sechs hatte sich verändert. Da stand jetzt: Unbedingt Kiosk überfallen, es geht um Leben und Tod!

Das Mädchen schnaubte. Mit ihrem Hang zu Dramatik hatte Susila die magische Dringlichkeit erhöht. Als hätte Aninda nichts besseres zu tun. Doch was nützte der Groll? Sie musste den Anweisungen der Älteren folgen, so war das eben.

Beim zweiten Anlauf, sich dem Kiosk zu nähern, hörte Aninda ein Rascheln. Es kam aus dem gegenüberliegenden Hakenlilien-Busch. Sie konnte keine Umrisse erkennen, aber es musste etwas Großes sein. Ein merkwürdiger Geruch erreichte ihre Nase. Sie wagte sich kaum zu bewegen, wäre am liebsten gar nicht da, was aber zugegeben dumm war, da sie mitten auf dem Weg stand. Dieser wurde von hellem Mondlicht beleuchtet. Stille, dann raschelte es erneut. Das Wesen überragte Aninda um zwei Köpfe und schimmerte grünlich, als es endlich aus seinem Versteck trat.

Wer bin ich?“, kreischte es und schaute sie mit irrem Blick an.

Woher soll ich das wissen?“ Aninda wollte es ignorieren und an ihm vorbeigehen, aber die grüne Kreatur packte sie an beiden Schultern, hob sie leicht an, schüttelte sie und schrie: „Wer bin ich?“

Aninda ahnte, dass es nicht möglich war, schnell wegzukommen, also begann sie, zu raten: „Birmo? Gemi? Harta?“

Was faselst du da?“ Der Grünling ließ sie los und wich ein Stück zurück. Glitzernde Schweißperlen traten auf seine Stirn.

Aninda rechtfertigte sich: „Du wolltest wissen, wer du bist!“

Nicht so … alphabetisch! Ich heiße Yuda! Wie sehe ich aus?“

Das ist einfach. Grün.“

Offenbar war es die falsche Antwort, denn Yuda begann, seine argwöhnisch schauende Keule zu schwingen. Aus Reflex zog Anida ihr Schwert. Das gähnte erst einmal herzhaft. „Na, du bist mir eine große Motivation!“ Aninda kitzelte es.

Yuda bezog den Kommentar offensichtlich auf sich, denn er brüllte: „Ach? Ich zeig’ dir, was Motivation bedeutet!“

Ich mein’ doch nicht …“ Aninda verstummte, als seine Keule eine Delle in den ausgetrockneten Boden neben ihr schlug.

Wild fuchtelte sie mit ihrem Schwert vor seinem Gesicht herum. Wusch. Wusch. Wusch.

Uahhh!“ Yuda sank in sich zusammen und hielt sich die Ohren zu. Was hatte der bloß für ein Problem? Typisch, diese Monster von heute! Alle gestört. Nicht mal gepflegt kämpfen konnten die noch. Die Bestien von früher hatten wenigstens ein paar überraschende Tricks im Ärmel. Aninda seufzte.

Yuda heulte mittlerweile wie ein Schlosshund.

Wieso weinst du? Du bist noch nicht mal ansatzweise verletzt.“

Ach, lass mich in Ruhe, du wusstest nicht, wer ich bin und noch dazu dieses unsägliche Zischen deines Schwertes. Er versuchte, den Laut nachzuäffen: „Tschhhhhhh“.

Steh auf und kämpfe wie ein …“

Wie ein was?“ Yuda sprang auf.

Mann!“ Aninda holte aus und wollte zuschlagen. Ihr müdes Schwert erschrak sich fürchterlich, weil es von der Keule pariert wurde.

Wieso wie ein Mann?“ Yuda versuchte, Aninda mit der Keule zu erwischen, die wich jedoch geschickt aus.

Nimm das!“ Der Grüne schlug wild um sich. Er traf in seiner Rage ein Gebüsch und aufgeregte Vögel flatterten heraus. Einer davon brüllte ihn mit hochrotem Kopf an. Was soll das?! Unsere Nester bauen sich nicht von allein und wir haben keine Wüterich-Versicherung!“

Entschuldigung!“ Yuda Gesichtsausdruck wechselte zu betroffen.

Das macht die Nester auch nicht mehr heil!“ Der kleine blaue Vogel schiss aus Protest direkt auf seine Nase.

Aninda tippte dem Wesen auf die Schulter. „Werde ich noch gebraucht?“

Du!“ Yuda drehte sich um und schlug mit seiner Keule eine weitere Delle in den Weg.
Aninda hatte die Nase voll.

Einen ausgedehnten Moment war Yuda durch weitere verärgerte Vögel unaufmerksam, da zerteilte sie kommentarlos seine Keule in zwei Hälften. Der Grünling war sprachlos.

Na gut, dann wäre das geklärt“, stellte Aninda zufrieden fest und nickte in Richtung Kiosk. „Ich habe da was zu erledigen. Wenn jemand kommt, gibst du mir ein Zeichen!“

Was?“, schniefte Yuda. „Aber …“, das Wesen hielt sie am Arm fest.

Hm?“ Aninda drehte sich um. Was war das überhaupt für einer? Die Keule sprach für einen Oger, seine Weinerlichkeit jedoch eher für einen Ork.

Da ist keiner mehr, ist es nicht neuerdings verboten, nachts einzubrech -“

Keine Sorge“, unterbrach ihn Aninda, „der Besitzer Bulan hat mich beauftragt, etwas für ihn zu holen.“

Damit ließ sie den Grünling stehen und schlich endlich zur hinteren Ladentür. Dort zog Aninda erneut ihr Schwert. Wusch.

Das Vorhängeschloss fiel zerbrochen zu Boden.

Ahahahaha“, hörte sie die Kreatur schreien und hielt inne. Kam jemand oder hatte er bloß wieder seine kritischen fünf Minuten? Da sich außer dem Grünen nichts bewegte, betrat sie leise den Kiosk und schaute sich im funzeligen Notlicht um. Obst, Gemüse, Tabakwaren, Süßes und Putzmittel. Warum konnte Susila keine normalen Einkaufszettel schreiben? Aninda trug ein paar Produkte unter die dürftige Lichtquelle und versuchte, deren Nummer zu entziffern. Fehlanzeige. Was könnte es sein? Das Büdchen verkaufte kein Zauberzubehör – und wenn, dann in einem Geheimraum. Sie schaute sich hinter der Ladentheke um, griff unter sämtliche Regale, fummelte an der Kasse herum, fand aber keinen Knopf, Hebel oder andere Hinweise zu einem solchen. Was sollte sie nur tun? Noch einmal ging sie die schmalen Gänge ohne Erfolg ab und wollte den Kiosk schon verlassen, da wurde sie selbst gefunden.

Ein riesiges Ungetüm sprang wie aus dem Nichts heraus auf Aninda zu und riss sie zu Boden.

Boah! Bist du schwer!“, keuchte sie, „Willst du mich erdrücken? Geh’ von mir runter!“

Statt sie freizugeben, setzte sich das Tier auf Anindas Bauch und sagte mit tiefer Stimme: „Ich bin die Nachtwache. Kim Yong Hund. Du wolltest doch nicht etwa etwas stehlen?“

Aninda erschauderte. Auch das noch! Ein alter KVA-General! Die gab es neulich im Sonderangebot für Inhaber von kleinen Läden. Sie hatte gelesen, dass diese Streitkräfte strenge Disziplin und unbedingten Gehorsam verlangten. Dagegen war ihre Gilde ein Kindergarten.

Äh.“ Aninda schnaufte. „Ich … soll was für … Bulan holen.“

Aha.“ Der Hund zog eine Augenbraue hoch. Seine bernsteinfarbene Iris glühte. „Das wüsste ich! Außerdem hättest du dann einen Schlüssel gehabt. Ich konnte dich beobachten.“

Den … habe … ich … vergessen.“ Aninda schnappte nach Luft.

Sprich! Was willst du hier?“ Seine Schnauze kam ihrem Gesicht sehr nahe. Der Geruch von rohen Zwiebeln ließ sie würgen.

Aninda drehte ihren Kopf zur Seite. Wenn du mal … von mir runter … gehen würdest, könnte ich dir … den Zettel zeigen. … Es geht um … Leben und Tod.“

Weißt du, was man mit Schwätzern wie dir bei der KVA macht?“ Der General setzte eine Pfote auf ihren Hals.

Aninda konnte es sich lebhaft vorstellen. Seine Tatze war groß und stark genug, um ihren Atem endgültig zu unterbrechen.

Hahahahahahah, endlich!“, schallte es von draußen herein und der General war lange genug abgelenkt, sodass Aninda ihre Chance nutzte, ihn halb von sich runter zu stoßen. Sie entwand sich und rannte los, erneut ihr Schwert ziehend. Ihr Puls kletterte auf 180.

Erst kurz vor Yuda wagte Aninda, sich zum Büdchen umzudrehen. Kein Hund war zu sehen.

Dafür stand Oma Perdana auf einmal neben dem Grünen.

Ah, du hast Bekanntschaft mit Kim Yong Hund gemacht?“, fragte sie und schmunzelte.

Ihre gelassene Reaktion ließ Aninda etwas ruhiger werden. Sie gestattete sich und ihrer Adrenalinausschüttung eine Pause.

Seit der neuen Gilden-Regelung hat Bulan diesen Hunde-General“, erklärte die alte Frau. „Er ist auf die Quadratmeter des Kiosks beschränkt und war das schnellste lieferbare Modell.“

Aninda war erstaunt. „Was du nicht alles weißt“, wunderte sie sich und tauschte einen Blick mit dem grünen Wesen. Sie schob ihr inzwischen wieder leise schnarchendes Schwert zurück in die Scheide.

Yuda strahlte. „Oma Perdana hat gewusst, wer ich bin.“

Sieht man doch, ein Oger!“, rief Perdana freudig.

Aha.“ Aninda wusste immer noch nicht, wie sie das Produkt für Susila auftreiben sollte.

Immer halten mich alle für einen Ork. Sogar mein Psychologe. Ich bin aber keiner, verdammt!“

Ähm, okay …“ Aninda wandte sich ab und wollte gehen, doch Oma Perdana hielt sie auf.

Was suchtest du eigentlich zu diesen Uhrzeiten im Kiosk?“

Wortlos reichte Aninda der alten Dame den Zettel von Susila.

Hmmm“, grübelte die alte Dame und lächelte, „dazu fällt mir etwas ein.“

Der Oger nahm ihr neugierig die Notiz ab, seine Augen weiteten sich und er brach in schallendes Gelächter aus.

Wirklich emotional, unser grüner Freund!“ Perdana tätschelte seinen Arm und wischte sich nebenbei eine graue Locke aus dem Gesicht. „Eben traurig, jetzt fröhlich.“

Aninda wurde ungeduldig. „Sagt schon, was bedeutet diese Produktnummer?“

Das kenne ich von meiner Schwester“, japste Yuda noch immer amüsiert, „Die ist in einer komischen Gilde, wo sie …“

Oma Perdana unterbrach ihn. „Die geheime rote Gilde!“

Ja. Haha. Nur einmal im Monat dürfen die ihre Treffen abhalten.“

Die geheime rote Gilde? “, überlegte Aninda. „Susila kann kein Mitglied von so etwas sein. Sie kommt nie weiter als bis zu unserem Gartentor.“

Perdana und Yuda reagierten mit schallendem Gelächter.

Komm’ mit Aninda“, sagte Perdana immer noch kichernd. „Wir holen ein paar Stücke meines eierlosen Kuchens, und ich gebe dir dann das Produkt gleich mit. Habe noch ein paar von meiner Tochter daheim.“

Aninda zögerte, sie war total verunsichert. Plötzlich wieder dösig beobachtete sie, wie Perdana dem auf dem Weg sitzenden Oger auf half. Das schaute lustig aus, weil Yuda das Mütterchen um mindestens drei Köpfe überragte. Ihr fiel auf, dass Perdana rechtes Augenlid dabei zuckte. Weil das für Magie sprach, hielt Aninda es für möglich, dass sie den letzten Drachen wirklich … erlegt … erle …

Aninda?“

Die Oma sprang herbei und patschte ihr abwechselnd links und rechts auf die Wange. Aninda riss die Augen auf, starrte in Perdanas Gesicht.

Was – wo – wie?“

Ihr Blick flog zu Yuda, der sie ebenfalls besorgt anschaute.

Ist alles okay mit dir?“, fragte Perdana.

Ich weiß nicht.“ Aninda stand auf und klopfte sich den Staub der Straße aus der Kleidung. „Immer wenn ich einen Gedanken oder ein Wort zwanghaft öfter denke, finde ich mich später sitzend oder liegend vor und weiß von nichts mehr.“

Perdana schaute in den Himmel. „Hm. Seit wann hast du das?“

Seit ein paar Wochen.“

Du machst zu viel, solltest dich mal ausruhen.“

Sag’ das mal meinen Geschwistern.

Och“, schaltete sich der Oger ein, „jetzt kennst du ja mich!“ Zur Bekräftigung seiner Worte stellte er sich aufrecht hin, was ihn noch größer wirken ließ, und gab eine Kostprobe von der Klangfarbe seiner Anweisungen:

Du da, abwaschen! Und du, Blumen gießen! Und danach aber flott Essen kochen!“ Mit einer Geste warnte er sein unsichtbares Gegenüber. „Hey, keine Faxen. Ich hab dich im Blick, Bürschchen!“

Nun kicherten alle.

Während sie sich auf den Weg zu Oma Perdanas Haus machten, stellte Aninda fest, dass sie so einen Oger wirklich gut gebrauchen konnte. Gleich nachher würde sie mit ihm über eine Anstellung als Haushaltshilfe verhandeln.

~

Bin wieder da!“ Aninda betrat das elterliche Haus und knipste das Licht in der Küche an. Sie stellte Perdanas Kuchen auf den Tisch, holte drei Teller aus dem Schrank und erschrak sich beim Umdrehen, weil sie auf einmal Ramelan im Türrahmen entdeckte.

Meine Güte, wie lange stehst du schon da?“ Aninda legte eine Hand auf ihre Brust und spürte ihren Herzschlag darunter.

Eine Weile.“ Ramelan grinste.

War deine Jagd erfolgreich?“ Eigentlich wollte Aninda die Antwort gar nicht wissen.

Nun ja, äh, also …“

Was ist los?“ Sie fühlte sich irgendwie nicht in Smalltalk–Laune.

Na, weißt du, da war dieser Hammerhirsch mit voll den fleischigen Keulen. Ich legte das Gewehr an und drückte durch, klick … nochmal klick … und nochmal klick. Nichts tat sich.“

Aber hattest du nicht Patronen besorgt?“

Ähm ja, aber …“ Röte stieg in Ramelans Wangen. „Die waren nicht im Lauf, sondern …“ Er sprach nicht zu Ende.

Sondern was?“

Ramelan nahm eine Hand hinter dem Rücken hervor und öffnete sie. „Das hier.“

Anindas Blick fiel auf ein paar völlig zerquetschte Tampons. Vom Lachen und Erleichterung darüber, dass sie nichts kochen musste, überrumpelt, setzte sie sich auf einen Küchenstuhl. Das war gerade zu viel, und es wurde noch schlimmer, weil Ramelan sie total irritiert musterte. Er holte kopfschüttelnd ein Messer und drei Löffel aus einer Schublade.
Allmählich schmerzte sogar
Anindas Bauch vor Lachen.

Ramelan verstand anscheinend nicht, was an alledem so lustig war. „Aninda?!“

Das ist zu komisch!“, kicherte sie, „Du hast die Patronen mit den Tampons verwechselt!“

Ramelan teilte den Kuchen in drei gleich große Stücke. „Haha! Spare dir deine Hass-Tiraden auf Zauberkraut, bitte.“

Okay. Ich komme von Oma Perdana“, sagte sie mit fester Stimme, die nur noch in einigen Tönen in Richtung Belustigung ausbrechen wollte. „Sie hat mir etwas mit derselben Produktnummer für unsere Schwester mitgegeben.“

Okay, gut.“ Ramelan schien zufrieden. „Susila war wirklich unausstehlich. Sie ist nicht einmal aus dem Bad herausgekommen. Ich musste zum Pinkeln sogar in den Garten!“

Aninda kniff die Lippen zusammen, um nicht wieder zu feixen.

Er schaute auf. „Sag mal, wieso lagen diese Dinger überhaupt bei den Patronen?“

Gute Frage.“ Aminda zuckte die Achseln. „Vielleicht war das eine Scherz der geheimen roten Gilde.“

Ramelan kostete den Kuchen und murmelte mit halbvollem Mund: „Was soll das für eine Gilde sein?“

Aninda grinste. „Würde ich es dir verraten, wäre sie nicht mehr geheim.“ Sie stand auf und schnappte sich die zwei übrigen Stück Kuchen und Perdanas Tüte.

Ich bringe Susila mal die Utensilien, damit wir das Bad endlich wieder benutzen können.“

Ehe Ramelan etwas erwidern konnte, sprintete sie aus der Küche und die Treppe hoch.

Er stellte seinen geleerten Teller geräuschvoll auf dem Tisch ab. Plötzlich tauchte Yuda aus dem Dunkel auf und räumte ihn in die Spüle.

Dorthin gehört das!“, fauchte er. „Das nächste Mal machst du das selbst, alles klar?“

Ramelan erschrak so sehr, dass er mit seinem Stuhl umkippte, doch sogleich wieder aufsprang. „Aninda“, schrie er, „Ich schwör’ dir, ich rauche nie mehr Zauberkraut. Ich seh’ grad ’nen Ork in ’ner Haushaltsschürze.“

Bis in die erste Etage hörte Aninda ein lautes Poltern. Sie kniff die Augen zusammen und murmelte: „Böser Fehler.“

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