Über den Hunger (Prosa)

Heute gibt es von mir ein eher nachdenkliches „Lesevergnügen“. Nachdenklich und Vergnügen in einem Satz, kann das gut gehen?

Die Story entstand vor einiger Zeit als ich mich mit den Themen Hunger in Verbindung mit sehr arm sein in einer ignoranten, eher dystopischen, Gesellschaft auseinandersetzte.
Die eigentliche 100-Seiten-Geschichte dazu wurde leider – wie so vieles – nie geschrieben.

Ich habe im Titel ein Prosa eingefügt, weil ich auch ein Gedicht ähnlichen Titels besitze. Das soll vorbeugend Verwirrung vermeiden, sollte ich jemals meine Lyrik hier hochladen.
Man könnte mir jetzt Titel-Einfallslosigkeit vorwerfen, aber es passte nun mal auf beide Werke sehr gut.

Über den Hunger

Jan musste auch heute ohne Essensreste zu seinem kleinen Bruder zurückkehren. Sogar die Hotel-Mülltonnen waren wie leergefegt gewesen. Wahrscheinlich hatte ihm die Gang von Chick wieder alles weggeschnappt. Sich denen anzuschließen kam für ihn trotzdem nicht in Frage. Der Alltag auf der Straße war hart genug, auch ohne Chicks Tyrannei.

Beim Geheimversteck außerhalb der Stadt fand er seinen Bruder Henry beim Buddeln eines ansehnlichen Loches. Schnell rannte er zu ihm. „Was machst du da? Wir leben doch noch!“

Der Sechsjährige sah nicht hoch. „Wenn keiner für Essen sorgt, stirbt bestimmt bald jemand.“

Und du suchst Nahrung jetzt im Erdboden?“

Klar – du hast ja nichts dabei, oder?“, kam es leicht vorwurfsvoll aus Henrys Mund. Dann sprang er auf und ging zum nahegelegenen Bach. Mit einer geklauten Grabvase kippte er Wasser in das Loch.

Jan sah bald den ersten Regenwurm zappeln.

Henry packte ihn und zog behutsam daran. „Man muss aufpassen, dass man die nicht gleich kaputt macht“, erklärte er. Willst du den Ersten?“ Henry schwenkte das Tierchen in der Luft.

Jans Hunger war quälend, er rang mit sich selbst, aber sein Respekt vor Lebewesen überwog.
Noch.
„Nein, danke, ich esse keine … Regenwürmer.“

Eine Antwort auf „Über den Hunger (Prosa)“

  1. Wie schaffst du es immer nur mit so wenigen Worten die ganze Tragweite menschlichen Denkens einzufangen. Vielen Dank du hast mich mit deiner Prosa sehr berührt. 🙃

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